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    Mittwoch, 11. November 2020, 13:02

    Branchenriesen der Berufsphilatelie - Die Firma H.E. Sieger

    Zu Beginn der 70er Jahre entschloß ich mich als damals 14- jähriger Schüler nach einigen Jahren des "Querbeetsammelns" von Briefmarken, endlich mit dem "ernsthaften Sammeln" zu beginnen. Zu diesem Zweck kontaktierte ich die Firma H.E. Sieger, ließ mir von dieser einige Prospekte zuschicken und begann, dort eine Reihe von Neuheitenabos abzuschließen.
    Was mir umso leichter fiel, da die Firma zu dieser Zeit attraktive Broschüren im Vierfarbdruck versandte, in denen die einzelnen Sammelgebiete vorgestellt, sogar nach meiner Erinnerung "benotet" und dementsprechend mehr oder auch weniger empfohlen wurden. Auch wurde der ungefähre monatliche finanzielle Aufwand für ein Abo angegeben, so daß ich mir ausrechnen konnte, was mich der Spaß in etwa kosten würde. Kurz: ich abonnierte im Frühjahr/ Sommer 1971 einige der gängigen europäischen Sammelgebiete wie Bund/ Berlin, Österreich, Schweiz, Liechtenstein, Großbritannien sowie in den Folgejahren auch einzelne Überseegebiete wie die USA und Kanada. Meine Geschäftsbeziehung zu Sieger währte etwa bis 1975, als ich mich entschloß, die Abos zu kündigen, um mich angesichts meiner beschränkten Mittel nicht nur auf Neuheiten, sondern verstärkt auch auf älteres Material konzentrieren zu können. Zumal ich zu dieser Zeit auch feststellte, daß die gängigen Neuheiten z.B. von "Bund/ Berlin" zum Nennwert bei der Versandstelle für Sammlermarken zu haben waren und ich dort ein Abo abschloß ;) .
    Kurz: in den rund vier Jahren unserer "Geschäftsbeziehung" war ich mit den Leistungen der Firma H.E. Sieger mehr als zufrieden, auch wenn ich feststellen mußte, daß sie nicht unbedingt zu den kostengünstigsten der Branche zählte :P .
    H.E. Sieger gibt es auch heute noch, auch wenn die goldenen Zeiten der Philatelie mit den entsprechenden hohen Umsätzen bereits Geschichte sind. Die Firma gehört nicht zu den ältesten (gegr. 1922) und handelt seit ihrer Gründung überwiegend mit modernem Material. Die Familie Sieger stammt aus Schwaben. Hermann Ernst Sieger wurde 1902 in Cannstadt geboren und sollte ursprünglich den elterlichen Textilbetrieb übernehmen. Daraus wurde nichts, denn bereits 1920 entschloß sich der damals 18- jährige, den Briefmarkenhandel zu seinem Beruf zu machen.
    H.E. Sieger befaßte sich zunächst mit Auswahlsendungen und Fehllistenerledigungen. Schon 1922 stiftete er den Hermann Sieger- Preis für philatelistische Literatur, der 1923 erstmals an Carl Köhler verliehen wurde.
    1927 begann er den Sieger- Neuheitendienst einzurichten, der sich rasch zum wichtigsten Geschäftszweig der Firma entwickeln sollte. Neuheitenabos waren zu dieser Zeit nichts Neues, und Sieger´s Konkurrenz war gerade in Deutschland sehr stark. Die Zuverlässigkeit jedoch, mit der Sieger seinen Kunden auch seltenste internationale Ausgaben pünktlich lieferte, sprach sich bei Sammlern schnell herum und sicherte dem Unternehmen den Erfolg. 1927 erschien auch erstmals die Hauszeitschrift "Sieger- Post", die mehrfach umgestaltet und mit kriegsbedingter Unterbrechung (1945- 1950) regelmäßig an alle Kunden des Hauses geliefert wurde. Sie enthält naturgemäß vor allem Firmenangebote, bietet daneben aber auch viele aktuelle Meldungen und informative Artikel aus nahezu allen Gebieten der Philatelie.
    1928 leitete Sieger eine Entwicklung ein, die der Firma einen weltweiten Bekanntheitsgrad bescherte. H.E. Sieger wurde zum philatelistischen Berater der Luftschiffbau Zeppelin A.G. und nahm damit Einfluß auf die Emission zahlreicher Zeppelin- Marken in vielen Ländern. Auf mehreren Flügen war der Firmengründer Gast von Dr. H.E. Eckener, der ihm bestätigte, daß die Einnahmen aus der philatelistischen Zeppelinpost viele Fahrten dieser Luftschiffe überhaupt erst ermöglicht hatten. 1930 veröffentlichte Sieger den ersten Katalog zur Zeppelinpost, dem viele Auflagen folgten, seit diesem Jahr konnte man auch die entsprechenden Flugbelege im Abonnement beziehen.
    Der Zweite Weltkrieg schlug auch dem Hause Sieger schlimme Wunden. Zwar konnte die Firma mit starken Einschränkungen bis April 1945 weitergeführt werden, doch dann trat eine Unterbrechung bis 1950 ein. Schließlich konnte H.E. Sieger am 1. Januar 1950 die alte Firma wiedereröffnen, nachdem sein Sohn Hermann Walter schon am 1. April 1949 eine Briefmarkenhandlung gegründet hatte, die sich ausschließlich mit dem Verkauf deutscher Marken befaßte. Beide Betriebe arbeiteten zuächst unter einem Dach in den alten Geschäftsräumen am Venusberg 32 in Lorch/ Württ. Zum 1. Januar 1954 wurden sie unter der alten Firmenbezeichnung miteinander verschmolzen. Die lange Haft im Internierungslager hatte die Gesundheit H.E. Siegers jedoch entscheidend geschwächt, er verstarb mit nur 52 Jahren in Göppingen.
    Als Hermann Walter Sieger zu diesem Zeitpunkt die Firma übernahm, hatte sie lediglich sechs Mitarbeiter, obwohl bei Kriegsausbruch schon die doppelte Anzahl beschäftigt worden war. Nichts kennzeichnet besser den Aufstieg der Firma als die Tatsache, daß die Belegschaft der Firma in den achtziger Jahren in Deutschland und Österreich über 300 Mitarbeiter zählte. Im Jahre 1960 waren es bereits 25, 1970 immerhin bereits 123.
    Sieger verfügt auch über eine eigene Hausdruckerei, die keine Fremdaufträge annimmt, sondern ausschließlich die zahlreichen Kataloge und Werbeprospekte sowie die Hauszeitschrift "Sieger- Post" herausgibt, die in den 80ern eine Auflage von über 120.000 Exemplaren hatte und somit zu dieser Zeit eine der weltweit auflagenstärksten philatelistischen Zeitschrifen war.
    1975 wurde erstmalig aufgrund des gewachsenen Datenvolumens eine Datenverarbeitungsanlage angeschafft. Die Zahl aktiver Kunden stieg von 102 000 im Jahre 1971 auf über 200 000 rund zehn Jahre später. In diesem Zeitrahmen war Sieger der größte Briefmarkenimporteur der Bundesrepublik, sein Marktanteil belief sich nach der amtlichen Einfuhrstatistik von 1979 auf knapp 24 %. Der Firmenumsatz stieg von 270.000,- DM im Jahre 1954 auf über 100 Millionen DM im Jahre 1981.
    Internationale Bekanntheit erwarb sich Hermann Walter Sieger durch seinen Mondbrief- Coup. Entgegegen den Bestimmungen der NASA gelang es ihm 1971 , hundert Briefe mit "Apollo 15" zum Mond und zurück befördern zu lassen und zum damaligen Stückpreis von 4850,- DM weltweit anzubieten.
    H.E. und H.W. Sieger repräsentieren den Typ des kaufmännisch erfolgreichen, dennnoch aber auch philatelistisch interessierten und dementsprechend engagierten Händlers, die insbesondere hinsichtlich der Realisierung philatelistischer Spezialliteratur Außergewöhnliches geleistet haben.