•         *[Home] *[Fernsehen] *[Bücher] * [Comics] *[Musik] *[Alltag] * [Zeitgeschichte] *[Über mich]

    Sie sind nicht angemeldet.

    1

    Montag, 23. März 2020, 23:22

    Sternstunden des Spielfilms der späten 50er bis frühen 70er Jahre - Nachts, wenn der Teufel kam (BRD 1957)

    Ein m.E. auch heute noch überaus sehenswerter Kriminalfilm aus meinem Geburtsjahr, der sich mit den Themen Rechtsbeugung und Justizmord zur Zeit des Dritten Reichs auseinandersetzte, ist die hier zu besprechende Produktion. Filmische Auseinandersetzungen mit dieser Thematik waren in der Bundesrepublik dieser Jahre eher die Ausnahme. Große Teile der Bevölkerung waren zum Zeitpunkt der Entstehung des Films, bezogen auf die zeitgeschichtliche Distanz, noch "zu nah dran". Man war naturgemäß bemüht, insbesondere die dunkle Zeit der Kriegs- und frühen Nachkriegsjahre zu vergessen und bevorzugte in den Kinosälen unterhaltsame amerikanische Importformate oder Heimatfilme und Komödien deutscher und europäischer Provenienz.
    Umso bemerkenswerter war die von dem 1952 aus Hollywood zurückgekehrten Robert Siodmak inszenierte Produktion, die den aktenkundigen Fall des Mehrfachmörders Bruno Lüdke thematisierte. Inspirieren ließ sich Siodmak bei der filmischen Umsetzung des Themas von zahlreichen Elementen des amerikanischen "Film Noir" der vierziger Jahre und bewies darüber hinaus eine sehr glückliche Hand bei seinen Rollenbesetzungen. Auch die verwendete Hintergrundmusik erinnerte an die "Film Noir"- Dramaturgie der vierziger Jahre, wodurch der Regisseur sein Werk als bewußte Antithese zur bundesdeutschen Mainstream- Filmkultur dieser Jahre verstanden lassen wollte. Nicht zuletzt aus diesem Grund erhielt der Film eine Oscarnominierung.
    Worum ging es ? Im Hamburg des Kriegssommers 1944 verteilt Parteigenosse Willi Keun (Werner Peters) an die freiwilligen BDM- Erntehelferinnen Geschenke und wohlfeile Durchhalteparolen, wobei er die junge Lucy Hansen (Monika Johns) kennenlernt. Diese arbeitet als Kellnerin in der "Grog- Stube", in der der geistig minderbemittelte Tagelöhner Bruno Lüdke (genial gespielt von dem blondierten Mario Adorf) wiederholt Sauerkraut mit kalten Kartoffeln bestellt. Lüdke beobachtet, wie sich Lucy ins obere Stockwerk begibt und Willi Keun ihr dorthin folgt. Kurz darauf kommt die Kellnerin wieder herunter , doch als Lüdke Lucy beeindrucken will, indem er ihr die Korken einiger Weinflaschen aufgrund seiner immensen Kräfte nur mittels seines Zeigefingers eindrückt, zieht er sich statt Bewunderung ihren Unmut zu.
    Am Abend verbringt Keun mit Lucy ein Schäferstündchen, als sie zu einem auf der Kellertreppe stehenden Kinderwagen herabsteigt, um dort ein Glas Schattenmorellen zu organisieren. Da ertönt das Signal für Fliegeralarm, und kurz darauf erfolgt bereits das Flakfeuer und die ersten Bombeneinschläge. Bei dieser Gelegenheit ergreift der von Lucy zurückgewiesene Lüdke, der sich im Erdgeschoß verborgen gehalten hat, die im Kerzenschein wandelnde Kellnerin von hinten und erdrosselt sie. Ihre Leiche schleift er in der Dunkelheit zurück vor den Eingang zu ihrer Wohnung , wo der Hausmeister sie auffindet. Hinter ihr befindet sich der völlig konsternierte und nur halb bekleidete Parteigenosse Willi Keun...
    In Berlin entwickelt sich dieser zunächst offensichtliche Kriminalfall sukzessive zum Politikum, nachdem Kriminalrat Böhm (Walter Janssen) den kriegsversehrten ehemaligen Kompaniechef und jetzigen Kommissar Axel Kersten (Claus Holm) anläßlich seiner Rückkehr in sein Amt empfängt. Kersten erkennt schnell den Justizirrtum und bemüht sich, diesen zu korrigieren, mit für ihn fatalen Folgen...
    In weiteren Rollen spielten u.a. Hannes Messemer, Annemarie Düringer, Lukas Amann, Rose Schäfer, E.F. Fürbringer, Wilmut Borell, Helmut Brasch, Georg Lehn, Margaret Jahnen, Trude Breitschopf und Carl Lange. Für Mario Adorf brachte dieser Film den endgültigen Durchbruch als ernstzunehmender Schauspieler, allerdings besetzte er danach über viele Jahre in Film und Fernsehen fast ausschließlich Gauner- und Schurkenrollen.

    www.youtube.com/watch?v=Z5GwjTweKl4