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    Donnerstag, 11. Oktober 2018, 19:55

    Bewegende Momente der 60er Jahre - Die Gastarbeiter

    Erste Kontakte, die ich als Kind ca. Mitte der 60er Jahre zu "Gastarbeitern" hatte, waren die zu einem spanischem Ehepaar, die im Haus meines Nachbarn und Freundes K.-P. zur Miete wohnten. Der Mann ging arbeiten, während seine Frau Maria den Haushalt schmiß. Außerdem müssen sie Angehörige in Marokko gehabt haben, denn sie erhielten regelmäßig Post aus dem nordafrikanischem Königreich, und wir Kinder rissen uns damals um die "seltenen und exotischen" Briefmarken mit dem Konterfei des Sultans.
    Ansonsten wuchsen wir in einem Viertel auf, das neben Einheimischen aus der Region vorwiegend von deutschen Ostvertriebenen bewohnt wurde, zu denen sowohl die Familie unseres Vermieters als auch mein Vater gehörten. Mieteinnahmen durch die Überlassung von Zimmern an Gastarbeiter waren damals zwar hochwillkommen, ansonsten beschränkten sich die Kontakte schon allein durch die Sprachbarriere auf freundliche Distanziertheit.
    Nach den Jahren des Wirtschaftswunders kam es in der zweiten Hälfte der 50er Jahre bereits zu einem zunehmenden Arbeitskräftemangel vor allem im industriell- handwerklichen Bereich, nicht zuletzt bedingt durch die Kriegsverluste an Arbeitern und Handwerkern. Infolge begann die Bundesrepublik, Arbeitskräfte im Ausland anzuwerben. Bereits 1955 wurde das erste entsprechende Abkommen mit Italien unterzeichnet. Weitere Verträge folgten 1960 mit Spanien sowie Griechenland, 1961 mit der Türkei, 1963 mit Marokko, 1964 mit Portugal, 1965 mit Tunesien und 1967 mit Jugoslawien.
    Der Zuzug von Gastarbeitern in die Bundesrepublik fiel zahlenmäßig bis 1961 vergleichsweise gering aus, da der Bedarf bis zum Mauerbau überwiegend durch Übersiedler aus der DDR gedeckt werden konnte. Erst ab 1961/62 wurden ausländische Arbeitskräfte in großer Zahl angeworben und 1964 bereits der einmillionste Gastarbeiter (ein Portugiese) begrüßt und mit einem Motorrad beschenkt.
    1973, als im Verlauf der ersten Ölkrise ein Anwerbestopp verhängt wurde, lebten bereits knapp vier Millionen Ausländer, die meisten davon Gastarbeiter, in der Bundesrepublik.
    In den Jahren der Hochkonjunktur wurden ausländische Arbeitskräfte angeworben, um insbesondere den Bedarf in der industriellen Massenfertigung, der Schwerindustrie und dem Bergbau zu decken, obwohl letzterer sich seit Mitte der 60er Jahre bereits in einer schweren Krise befand. Ganz überwiegend handelte es sich um Tätigkeiten, die nur geringe berufliche Qualifikationen erforderten, und dementsprechend niedrig war das Bildungsniveau der zugewanderten Gastarbeiter.
    Ursprünglich nicht geplant war, daß die Anwerbung von Arbeitskräften aus dem Ausland zu einer dauerhaften Niederlassung von Gastarbeitern führen sollte. Diese sollten zunächst mit zeitlich befristeten Arbeitsverträgen den Arbeitskräftemangel zur Zeit der Hochkonjunktur beheben helfen. Erst nach der zunehmenden Aufweichung des Systems der befristeten Vertragsabschlüsse, die meist auf Druck der Arbeitgeberverbände erfolgten, wurden in den Folgejahren auch zunehmend Famlienangehörige nachgeholt.
    Nach dem Anwerbestopp von 1973 wurde die Zahl der Gastarbeiter, die sich für eine Rückkehr in ihre Heimatländer entschieden, deutlich durch den sog. "Familiennachzug" insbesondere aus der Türkei kompensiert. Gleichzeitig fiel die Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Gastarbeiter zwischen 1973 und 1985 von 2,5 Millionen auf 1,6 Millionen.
    Während in den 80er Jahren die Zuwanderung mit Ausnahme des "Familiennachzugs" zahlenmäßig eher gering ausfiel, stiegen die Zahlen zu Beginn der 90er Jahre wieder steil an. Die Gründe lagen in dem Fall des "Eisernen Vorhangs", dem Bürgerkrieg in Teilen Jugoslawiens sowie in innenpolitischen Spannungen in der Türkei. Auch der Zuzug von Spätaussiedlern und Asylbewerbern erreichte in den 90ern einen vorläufigen Höhepunkt.
    Interessante Doku zum Thema:
    www.youtube.com/watch?v=IDWS9gcZZt0