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    Montag, 4. Dezember 2017, 15:11

    Sternstunden des Spielfilms der 60er Jahre - Fahrenheit 451 (GB 1966)

    Die pessimistische Zukunftsvision unter der Regie von Francois Truffaut nach einem Roman von Ray Bradbury ist in den letzten Jahrzehnten zu einem Science Fiction- Klassiker geworden, der aus Budgetgründen 1965/66 nicht in Frankreich, sondern in den britischen Pinewood- Studios realisiert wurde. Lediglich die Erstaufführung fand in Paris statt, während der Film bei uns in Deutschland drei Monate später ab Dezember 1966 in den Kinos lief und im Februar 1973 erstmalig im deutschen Fernsehen zu sehen war.
    Für die Protagonistenrolle konnte Truffaut den hervorragenden Schauspieler Oskar Werner gewinnen, mit dem Truffaut bis dahin eine enge Freundschaft verband. Diese mußte jedoch einer harten Belastungsprobe standhalten, da Werner Truffaut´s Regieanweisungen zunehmend hinterfragte und teils schlichtweg ignorierte.
    Das dystopische Werk erhielt in den Folgejahren eine Reihe von Auszeichnungsnominierungen, so u.a. für den britischen Film Academy Award, den amerikanischen Hugo Award und bei den Filmfestspielen von Venedig.
    Buch- und Filmtitel beruhten im übrigen auf der irrigen Annahme Ray Bradbury´s, daß sich Papier bei einer Temperatur von über 451 Grad Fahrenheit / 223 Grad Celsius von selbst entzünde.
    "Fahrenheit 451" spielt, bezogen auf das Jahr seiner Entstehung, in einer nicht allzu fernen Zukunft, die vordergründig als trist, kalt und grau präsentiert wird. Menschen fahren in einer futuristischen Schwebebahn und blicken schweigend ins Nichts. Unterbrochen wird das eintönige Grau lediglich durch die grellen Rottöne der Feuerwehr, die jedoch nicht etwa den Auftrag hat, Brände zu löschen (alle Häuser sind mittlerweile absolut brandsicher), sondern die als quasi paramilitärische Einheit Bücher aufzufinden und zu verbrennen hat. Denn in diesem Zukunftsstaat ist der Besitz, die Verbreitung und das Lesen von Büchern unter Strafe verboten.
    Der Chef der Staatsfeuerwehr (Cyril Cusack) bringt die herrschende Ideologie auf den Punkt: Ziel ist die absolute Gleichheit aller; jede Form von Individualismus ist verpönt. Dazu gehört insbesondere das Lesen von Büchern, die Träume, Phantasien, Philosophien, schlichtweg vielfältigste kulturelle Anregungen vermitteln können.
    Protagonist Montag (Oskar Werner) ist seit fünf Jahren bei der Feuerwehr beschäftigt, während seine Frau Linda (Julie Christie), vollgestopft mit Drogen, den Tag vor einer großen Bildwand verbringt, über die das Staatsfernsehen einerseits Propaganda gegen jedwege Form von Büchern betreibt, andererseits durch niveaulose Unterhaltung seine Bürger davon ablenkt, über sich selbst und die Gesellschaft zu reflektieren.
    Die geschichtliche Erinnerung ist in dieser totalitären Gesellschaft ebenso ausgelöscht wie die Zeit, die stillzustehen scheint. Für die politischen Machthaber, die im Film unsichtbar bleiben, ist der Kampf gegen Menschen, die noch über Bücher verfügen, gleichzeitig ein Kampf gegen die Überbleibsel einer "veralteten Gesellschaft".
    Der introvertierte, gehorsame Montag trifft eines Tages auf seine Nachbarin Clarisse (ebfs. Julie Christie), die ihm um einiges anders erscheint als seine Frau. Clarisse ist Lehrerin und fragt Montag unverblümt, ob er die Bücher, die er verbrenne, auch vorher lese, und animiert ihn tatsächlich zum heimlichen Lesen konfiszierter Bücher. Schließlich "verschlingt" Montag nach einer gewissen Anlaufzeit geradezu ein Buch nach dem anderen und erlebt bei einem seiner Einsätze, daß sich eine ältere Frau (Bee Duffell) lieber mit ihren zahlreichen Büchern im eigenen Haus verbrennen läßt, statt ohne sie zu leben.
    Durch die eifrige Lektüre seiner Bücher verspürt Montag das Gefühl, trotz des hohen Risikos endlich "zu leben". In seinem realen beruflichen Dasein herrscht dagegen Verrat, Denunziantentum und Devotismus.
    Montag´s Kollege Fabian (Anton Diffring) ist scharf auf eine Beförderung, die ursprünglich Montag zugesagt wurde, und spinnt Intrigen gegen ihn. Als sich Montag mit Clarisse zur Schule begibt, um zu erfahren, warum man sie entlassen hat, schaut aus einem Fenster das böse Gesicht der Schulleiterin (ebfs. Anton Diffring) heraus.
    Schließlich verrät Montag´s Frau Linda ihren bücherlesenden Mann an die Feuerwehr, sie will nicht "leben" wie er, sondern weiterhin in ihrem bisherigen Dasein "existieren".
    Clarisse ist gezwungen, unterzutauchen und flieht zu den in den Wäldern lebenden "Buchmenschen", die jeweils ein Buch auswendig lernen, um dieses der Nachwelt erhalten zu können. Auch Montag flüchtet zu ihnen, nachdem er in seinem letzten Einsatz das eigene Hausinventar in Brand setzen mußte und seinen Vorgesetzten dabei mit dem Flammenwerfer getötet hat.
    Truffaut´s dystopische Literaturverfilmung bezieht seine düsteren Schilderungen nicht nur aus dem Antikommunismus der 60er Jahre, sondern weist einige teils erschreckende Parallelen zu Tendenzen in heutigen westlichen Gesellschaften auf, so auch in Deutschland. Erinnert sei an die weitgehende "Unterschlagung" von Torsten Schulte´s aktuellem Sachbuch "Kontrollverlust" in vielen Bestsellerlisten und Buchhandlungen sowie an beginnende Maßnahmen zur stärkeren Reglementierung von sozialen Medien im Internet.
    Vor diesem Hintergrund besitzen Buch und Film einen erstaunlich starken Aktualitätsbezug und sind auch über fünfzig Jahre nach ihrer Entstehung immer noch ungemein sehens- und empfehlenswert :thumbup: :thumbup: .