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    Freitag, 8. Januar 2016, 13:59

    Hansrudi Wäscher gestorben

    Bereits gestern ist der Pionier des deutschen Abenteuercomics, Hansrudi Wäscher, im Alter von 87 Jahren verstorben.
    Die meisten Kids der 50/ 60er Jahre kannten, lasen und mochten die zahlreichen Serien von der Hand des "Meisters":
    Sigurd, Akim, Nick, Tibor, Falk, Bob und Ben, Roy Stark und viele andere. Ich habe als Kind der 60er schon zur Kenntnis genommen, daß viele der von mir gern gelesenen Lehning- Comics sich stilistisch stark ähnelten, natürlich ohne dabei den Urheber namentlich zu kennen.
    Uns Kids hat es damals auch nicht sonderlich interessiert, zumal die meisten Zeichner dieser Zeit noch anonym arbeiteten. Comics hatten in diesem Zeitrahmen aus der Sicht Erwachsener meist ein "Gschmäckle", den Begriff "Schundliteratur" werden einige der Älteren von uns sicher noch mitbekommen haben.
    In jedem Fall zählten Sigurd, Tibor und Falk für mich schon damals zur Kategorie der "gehobenen" Comics, schon allein aufgrund der teils sehr umfangreichen Einführungen in das aktuelle Geschehen am Anfang eines jeden Hefts.
    Erst im Laufe der 70er etablierte sich eine veränderte Sicht der Dinge sowie eine Fan- und Sammlerszene, in deren Verlauf man sich auch verstärkt für die Autorenschaft einzelner Comic- Serien interessierte.
    So wurde der Zeichner des "Sigurd", HRW, bereits in den frühen 70ern von dem Sammler und späteren Händler P. Skodzik nach umfangreichen Recherchen "enttarnt", was zu dieser Zeit ohne geeignete Hilfsmittel wie PC und Internet kein leichtes Unterfangen war.
    Hansrudi Wäscher wurde 1928 als Kind einer Schweizerin und eines Deutschen in St. Gallen geboren. Als Kind erkrankte er an einem erblich bedingten Hüftleiden, mußte 2 Jahre lang in einem Gipskorsett das Bett hüten und entdeckte in dieser Zeit seine Liebe zu Abenteuerbüchern und Comics. Letztere waren damals meist italienischer Provinienz, zum Teil als Lizenzdrucke amerikanischer Serien.
    1940 zog die Familie nach Hannover, da Wäscher´s Vater dem Schweizer Militärdienst entgehen wollte und als in der Schweiz lebender Deutscher auch deutlichen Anfeindungen ausgesetzt war. Er wurde eingezogen und fiel 1945 vor Berlin.
    1944 begann HRW eine Lehre als Plakatmaler und studierte von 1947 bis 1950 Gebrauchsgrafik an der Werkkunstschule Hannover.
    Im Spätsommer 1953 plante Wäscher eine eigene Comic- Serie nach dem italienischen Vorbild der "Piccolo- Heftchen", dieser kleinen Druckerzeugnisse im Streifenformat. Der Buch- und Zeitschriftenverleger Walter Lehning war ihm jedoch bereits zuvorgekommen. Wäscher sah Lehnings frühe Piccolos mit italienischen Lizenzdrucken am Kiosk und stellte sich kurzfristig mit Probearbeiten beim Verlag vor. Bereits in der darauffolgenden Woche lieferte er die Nummer 1 für die erste eigenständige deutsche Piccolo- Bildserie namens SIGURD ab.
    Schon bald darauf wurde die Produktion von Comics bei Lehning zu Wäscher´s ausschließlichem Broterwerb.
    Die Zusammenarbeit als freier Mitarbeiter bei Lehning dauerte 15 Jahre bis zur Insolvenz des Verlags im Jahre 1968. In den darauf folgenden Jahrzehnten arbeitete Wäscher für den Bastei- Verlag und nach dem Ausbruch des Sammelbooms für Golden Age- Comics seit den 80ern für Norbert Hethke.
    Nach mehreren Umzügen lebte das Ehepaar Hansrudi und Helga Wäscher zuletzt in Freiburg/ Breisgau.
    Nach eigenem Bekunden war HRW nie ein Sammler oder Nostalgiker in Bezug auf alte Comics. Den größten Teil seiner umfangreichen Produktion aus der Lehning- Zeit sah er erst in Form der Nachdrucke des Hethke- Verlags wieder. Fast alle Wäscher- Originalzeichnungen sind nach der Insolvenz des Lehning- Verlags verlorengegangen, da der Konkursverwalter zu dieser Zeit keinen Abnehmer für das umfangreiche Verlagsarchiv fand.
    Belegexemplare seiner Lehning- Hefte verschenkte Wäscher nach einer kurzen Durchsicht meist an Kinder aus der Nachbarschaft. Angeschaut hat er sich die fertigen Hefte nur zur Kontrolle des Drucks und der Farbgebung, was oft genug vor allem in seiner Lehning- Spätphase zu einem vernichtenden Urteil seinerseits führte. Durchgelesen hat er seine fertigen Hefte nachträglich nie: "...Ich wollte mich nicht von den alten Sachen beeinflussen lassen. Wer soviel machte wie ich, dem passiert das schnell. "
    Einer der ganz Großen der deutschen Comic- Geschichte ist von uns gegangen. Möge Hansrudi Wäscher in Frieden ruhen.

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    Freitag, 8. Januar 2016, 19:42

    Sekundärliteratur zu Leben und Werk von Hansrudi Wäscher

    1) Gerhard Förster: Das große Hansrudi Wäscher Buch. Verlag Norbert Hethke 1987. Ein etwas chaotisch angelegtes, aber unbedingt lesenswertes Standardwerk inklusive der beiden großen Interviews mit dem Meister von 1977 und 1985, bisher unveröffentlichtem Material und der chronologischen Auflistung aller Wäscher -Erstveröffentlichungen von 1953 bis 1987 mit den Erscheinungsdaten.

    2) Detlev Lorenz: Hansrudi Wäscher- Phänomen seiner Zeit. Joh. Heider Verlag 2008. Ein in einer Auflage von 1500 Exemplaren aufgelegtes wunderschönes "Bilderbuch" inklusive der Vita von HRW. Für Puristen sei angemerkt, daß praktisch alle Abbildungen in sehr hoher drucktechnischer Qualität aus dem Spätwerk des Meisters stammen, also nichts aus den "Goldenen Jahren" 1953 bis 1968 dabei ist.

    3) Andreas C. Knigge: Allmächtiger ! Hansrudi Wäscher, Pionier der deutschen Comics. Herausgegeben von Hartmut Becker in der Edition Comics etc., 2011. Ein opulenter Wälzer von rund 500 Seiten, der zur Standardausstattung eines jeden HRW- Fans gehören sollte und keine Wünsche offen läßt. Selbst summarische Inhaltsangaben zu allen wesentlichen Wäscher- Serien fehlen nicht. Als kleines Manko sehe ich lediglich einige kleine stilistische Verirrungen des Autors, der selbst nicht mehr zur "Generation Lehning" gehört und sich gelegentlich in ironischer Distanziertheit gefällt.
    Ob darüber hinaus Knigge´s Herabwürdigung von Wäscher´s Arbeiten in den "späten" Lehning- Jahren 1967/68 in dieser Form stimmig ist, lasse ich mal dahingestellt.