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    Mittwoch, 1. Mai 2019, 18:26

    Das Mädchen Rosemarie (1958) oder: Warum mußte Rosemarie Nitribitt sterben ?

    Strenggenommen gehört ein Blog über das Leben und den mysteriösen Tod der Edelprostituierten Rosemarie Nitribitt in ein Forum über die 50er Jahre. Da ihr Name und ihr Schicksal jedoch bis heute im kollektiven Gedächtnis vieler meiner Landsleute verblieben ist, soll dies auch in diesem Forum nicht unerwähnt bleiben. Zumal der ungelöste "Fall Nitribitt" die Medien und auch die Gerichte noch bis in die frühen 60er Jahre beschäftigte und nach dem Ableben der meisten Beteiligten in den letzten Jahren durch wiederaufgefundene Akten um neue Erkenntnisse bereichert wurde.
    Der Fall der 1957 ermordeten Edelprostituierten entwickelte sich in den späten Wirtschaftswunderjahren zum ersten großen Gesellschaftsskandal der damals noch jungen Bundesrepublik. Sehr zeitnah verfilmte Erich Kuby mit dem Spielfilm "Das Mädchen Rosemarie" und Nadja Tiller in der Hauptrolle das Leben und Sterben von Frau Nitribitt. Aus heutiger Sicht gestaltet sich das Werk m.E. etwas sperrig, da Kuby bemüht war, eine Melange aus Gesellschaftssatire, Moritat und Lebensbeschreibung der Prostituierten zu liefern, was ihm meines Erachtens nur teilweise gelungen ist. Dennoch lockte die filmische Auseinandersetzung mit einem brisanten zeitgenössischen Thema bundesdeutscher Nachkriegsgeschichte in den späten 50ern über acht Millionen Zuschauer in die Kinos.
    Von wem Nitribitt getötet wurde, konnte nie zweifelsfrei festgestellt werden. Aufgrund schlampigen Umgangs mit dem Beweismaterial konnte nicht einmal ermittelt werden, wann ihr Tod eintrat. Durch den Leichengeruch in den überheizten Räumen rissen unerfahrene Kriminalbeamte zunächst alle Wohnungsfenster auf, so daß mit den Methoden der damaligen Zeit der genaue Zeitpunkt des Ablebens nicht mehr festgestellt werden konnte.
    2013 tauchten eher durch Zufall überraschend polizeiliche Vernehmungsprotokolle und Beweisstücke wieder auf, die über Jahrzehnte als verschollen gegolten hatten. Die Papiere lagern heute im hessischen Staatsarchiv in Wiesbaden, und investigative Journalisten stellten überrascht fest, daß es damals durchaus eine belastbare Täterspur gegeben hatte, die in eine der führenden deutschen Industriellenfamilien wies: die der Stahlbarone von Bohlen und Halbach (Krupp).
    Am 1.11.1957 wurde die Prostituierte Rosemarie N. in dem Appartmenthaus Stiftsstraße 36 in der Frankfurter City ermordet aufgefunden. Festgestellt werden konnte, daß der Tod durch Erdrosseln eintrat. Auch eine tiefe Platzwunde am Hinterkopf wies auf massive körperliche Gewalteinwirkung hin. Der Täter hatte darüber hinaus die Wohnungsheizung auf über dreißig Grad hochgefahren, um den Verwesungsvorgang des Torsos zu beschleunigen und entsprechende Hinweise zu verschleiern.
    Rosemarie Nitribitt wurde 1933 in Düsseldorf geboren und stammte aus äußerst prekären familiären Verhältnissen. Der unehelichen Geburt und einer Vergewaltigung mit bereits zwölf Jahren schlossen sich u.a. diverse Heimaufenthalte an. Diesem Dasein wollte die junge Rosemarie entrinnen und fand das für sie "richtige" Leben als Prostituierte im teilweise noch kriegszerstörten Frankfurt/ M. der Nachkriegsjahre. Sie nahm "Benimmunterricht" und lernte Fremdsprachen wie Englisch und Französisch, um ihre Profession auch in bessergestellten Kreisen ausüben zu können. Zu ihrem späteren Markenzeichen wurde ein Mercedes 190 SL Cabrio in schwarz mit roter Innenausstattung, mit dem sie Kunden animierte und aquirierte. Mit derartigen Attributen versehen, wandelte sich die eher mäßig attraktiv erscheinende Rosemarie Nitribitt zur Edelprostituierten.
    Viele ihrer Kunden stammten aus dem bundesdeutschen Geldadel der Wirtschaftswunderjahre, so z.B. der Milliardär Harald Quandt, die Brüder Gunter und Ernst Sachs, Rennfahrer Huschke von Hanstein und auch der spätere Bundeskanzler Kurt- Georg Kiesinger. Eine Ausnahme stellte Harald von Bohlen und Halbach dar, der erst 1955 aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft entlassen worden war, als Miterbe des Krupp- Konzerns galt und für ca. ein halbes Jahr zum ständigen Geliebten der Nitribitt wurde.
    Vieles deutet angesichts der heute verfügbaren Quellen darauf hin, daß sich die Edelprostituierte die sehr gute Partie dauerhaft sichern wollte. Jedoch ergeben die Akten, daß von Bohlen und Halbach sowohl die Mitnahme seiner Geliebten auf Dienstreisen verweigerte als sich auch einer Eheschließung mit seiner nicht standesgemäßen Freundin Rosemarie kategorisch verschloß: "Wenn überhaupt, dann auf dem Mond !"
    In der polizeilichen Vernehmung gab von Bohlen und Halbach, der damals als "der reichste Junggeselle Deutschlands" galt, durchaus regelmäßige Kontakte mit Rosemarie Nitribitt zu, behauptete jedoch gleichzeitig, zur fraglichen Tatzeit in Essen gewesen zu sein. Jedoch deuteten Fingerabdrücke an angebrochenen Weinflaschen sowie Spermareste darauf hin, daß von Bohlen und Halbach durchaus der letzte Besucher der Nitribitt vor Eintreten ihres Todes gewesen sein konnte. Gestützt wurde Bohlen´s Alibiaussage dagegen durch schriftliche Bestätigungen seines Essener Hauspersonals. Daraufhin wurde diese Spur seitens der ermittelnden Frankfurter Kriminalpolizei überraschend schnell fallengelassen.
    Aus dem ungelösten Mordfall wurde in den Folgejahren die Gesellschaftsgeschichte vom "Mädchen Rosemarie", die Zeitungen, Illustrierte, Frauenmagazine und die Filmindustrie ausgiebig beschäftigte, während Polizei und Justiz die Identitäten der Kunden Nitribitts, die über ihre Freier penibel Buch führte, solange es ging schützten. Darunter natürlich auch die des Harald von Bohlen und Halbach.
    Harald von Bohlen und Halbach heiratete im Jahre 1960 standesgemäß eine Wuppertaler Industriellentochter und verstarb 1983 im Alter von 67 Jahren. Rosemarie Nitribitts Leichnam wurde nach Düsseldorf überführt und auf dem dortigen Nordfriedhof bestattet. Ihr Grab wurde 2008 noch einmal geöffnet, als man ihren Schädel hinzufügte, der sich bis dahin im Frankfurter Kriminalmuseum befunden hatte und dort als Anschauungsmaterial für den dortigen Kripo- Nachwuchs gedient hatte.
    Interessante Doku zum Thema: www.youtube.com/watch?v=GB04_1ir_LY

    2

    Freitag, 3. Mai 2019, 21:23

    pietätlos

    Es ist doch eigentlich eine riesige Pietätlosigkeit, den Schädel eines Mordopfers als Anschauungsmaterial zu verwenden. Ein Abguss aus Gips hätte auch genügt.

    :thumbdown:

    3

    Samstag, 4. Mai 2019, 16:37

    Wer war der Mörder von Rosemarie Nitribitt ?

    Na ja, die Trennung des Schädels vom Torso zu Unterrichtszwecken sollte man zeitbezogen betrachten.
    Frau Nitribitt war damals etwas, was man in den 50ern als "gefallenes Mädchen" ansah: ein unehelich geborenes Kind, Vater verweigerte Unterhaltszahlungen, Mutter war auch nicht die große Leuchte, Heimaufenthalte, mehrfache Vergewaltigungen und sie fing sehr früh an, "anzuschaffen". Schon der Makel der unehelichen Geburt wog damals weitaus schwerer als heute, wo derartiges gang und gäbe ist.
    Von daher hatte Frau N. nach ihrem Tod keine Lobby, die sich ihr angenommen hätte, und ich kann mir im damaligen Zeitrahmen durchaus zahlreiche Pharisäer vorstellen, die froh waren, daß diese ihre Prostitution und ihren Status offen zur Schau tragende Dame vom äußersten Rand der Gesellschaft nicht mehr unter ihnen weilte.
    Nach heutigem Stand der Erkenntnisse kommen meines Erachtens folgende Täter/ Tätergruppen für den Mord in Betracht:
    - Herr Pohlmann, das damalige "Mädchen für alles" von Frau Nitribitt. Dafür spricht, daß er kurz nach dem Ableben von Frau N. plötzlich Privatschulden in Höhe von 18.000,- DM begleichen konnte. Dagegen ist zu sagen, daß das Alibi des Mannes nach den polizeilich und staatsanwaltlich sehr akribisch vorgenommenen Untersuchungen (seitens der Polizeit galt er zunächst als Haupttatverdächtiger) zur Tatzeit hieb- und stichfest war und er das Geld auch zu einem späteren Zeitpunkt aus der Wohnung der Ermordeten entnommen haben könnte.
    - Harald von Bohlen und Halbach. Für die Tat spricht die enge Verbindung von Bohlen zu der Prostituierten, die auf "klare Verhältnisse" im Sinne einer Eheschließung bestanden haben soll. Denkbar, daß sie auf ihren Geliebten massiven Druck inklusive handfester Drohungen ausgeübt hat, um zu ihrem Ziel zu gelangen. Als die Illustrierte "Quick" eine Fortsetzungsreihe über das Leben und den Mord an Frau Nitribitt unter federführender Mithilfe von Pohlmann startete, übte die Villa Hügel massiven juristischen und finanziellen Druck auf den Verlag und auch auf Pohlmann aus, damit die Serie, die sich u.a. auch zum Ziel setzte, den Täter zu identifizieren, beendet würde. Was durch den Einsatz hoher finanzieller Mittel auch gelang, die Reihe wurde sehr kurzfristig eingestellt.
    - Ein Unbekannter aus dem Frankfurter Rotlichtmilieu. In den 50ern etablierte sich allmählich rund um den Frankfurter Hauptbahnhof eine festgefügte Rotlichtszene mit abgesteckten Revieren der einzelnen Kiezgrößen. Vor diesem Hintergrund erscheint es ungewöhnlich, daß eine schillernde, weitgehend unabhängige Persönlichkeit wie Frau Nitribitt, die jeder kannte, nicht über kurz oder Lang vom "Milieu" vereinnahmt worden wäre. Besuch aus diesen Kreisen soll sie einige Wochen vor ihrem Ableben bereits erhalten haben. Durchaus denkbar, daß sie sich entsprechenden "Angeboten" brüsk verweigert hat und sich über mögliche daraus erwachsende Konsequenzen nicht im Klaren war.
    - Ein unbekannter Freier. Freier mit Persönlichkeitsstörungen wird es auch damals zuhauf gegeben haben, zumal im Jahre 1957 der Zweite Weltkrieg erst seit zwölf Jahren Geschichte war und für manchen die Hemmschwelle, ein Menschenleben auszulöschen, aufgrund des Militärdienstes und entsprechenden Erfahrungen aus dieser Zeit deutlich niedriger war als heute.
    Letztendlich wird sich der Mord mit einiger Wahrscheinlichkeit nicht mehr aufklären lassen. Es sei denn, daß einer der letzten Überlebenden dieser Jahre die Karten auf den Tisch legt und "auspackt".