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    Freitag, 1. Februar 2019, 16:58

    Der Fabryaner - Erinnerungen an meine Schulzeit

    Die nachfolgenden Artikel sind nicht alle brandneu, sondern wurden von mir teilweise bereits vor einigen Jahren auf www.fabryaner.de, der Ehemaligen- Website der Wilhelm Fabry- Realschule in Hilden, veröffentlicht.
    Ich selbst besuchte diese Einrichtung zwischen 1967 und 1973 von der fünften bis zur zehnten Klasse.
    Aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen hat der Gründer und Betreiber von fabryaner.de die Seite im vergangenen Jahr deaktiviert. Aus dem ehemals reichhaltigen Fundus vieler Autoren seien daher einige meiner Artikel an dieser Stelle wiedergegeben, die m.E. einen guten Eindruck vom Zeitgeist in einer ehemaligen "Realschule für Jungen" während der 60er und frühen 70er Jahre vermitteln.
    Die Realschule gibt es übrigens in dieser Form nicht mehr. 1974 wurde der koedukative Unterricht für Jungen und Mädchen eingeführt, und 2018 verließen die letzten Realschulabsolventen die Einrichtung, nachdem diese durch die Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen in NRW zur "Marie Colinet- Sekundarschule" umfunktioniert worden ist. Während zu meiner Zeit die Leistungsanforderungen einigermaßen hoch waren und die Klassen fast ausschließlich aus deutschen Schülern bestanden, bietet sich heute ein etwas anderes Bild.
    Nachfolgend also einige meiner Artikel aus den Ehemaligenseiten der Wilhelm Fabry- Realschule.

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    Dienstag, 5. Februar 2019, 16:56

    Sechs Jahre Fabry oder: Erinnerungen aus dem Fahrradkeller (2003)

    Vor wenigen Jahren befand ich mich zu Besuch bei einem Geschäftsfreund in Solingen- Ohligs. Da mir am Wochenende noch etwas Zeit verblieb, nutzte ich die Gelegenheit zu einem Besuch meiner alten Heimatstadt Hilden, der ich schon vor einigen Jahrzehnten "Tschö !" sagen mußte.
    Vieles hatte sich seit 1973 verändert, der Innenstadtbereich rund um die ehemalige Mittelstraße war zur Fußgängerzone geworden und wirkte dadurch moderner, aber auch zugebauter. Der von uns früher wegen der Kirmes vielbesuchte, damals noch unbefestigte Lindenplatz war nun zur asphaltierten Parkfläche für die Pendler in die nahen Großstädte, vor allem nach Düsseldorf, geworden. Schließlich führte mich mein Weg über die Parkanlage Holterhöfchen zu meiner alten, ehemaligen "Realschule für Jungen", in der ich zwischen 1967 bis 1973 büffeln durfte.
    Auch hier wirkte vieles neu oder verändert. Die damals noch recht frische Parkanlage (die Schule wurde 1963 eröffnet) rund um das Gebäude hatte sich zu einem stattlichen Altbestand entwickelt, die Fassadenverkleidungen wurden wohl irgendwann erneuert oder modernisiert.
    Der Wiedererkennungswert hielt sich damit für mich in Grenzen, bis ich wie zufällig vor der Zufahrt in den alten Fahrradkeller des Gebäudes stand. Ich war plötzlich wie vom Schlag getroffen, denn hier hatte sich in den letzten dreißig Jahren so gut wie nichts verändert ! Langsam stieg ich die Stufen zum Keller hinab, und dutzende von Erinnerungsfragmenten bemächtigten sich meiner...
    1967 war für uns zehnjährige Schüler ein Jahr voller Veränderungen. An ein locker- leichtes Lernpensum in der Grundschule sowie an Kurzschuljahre gewöhnt, war der Eintritt in die Fabry- Realschule und die Umgewöhnung an völlig andere schulische Verhältnisse ein ziemlicher "Kulturschock" für einen Jungpennäler.
    Die Zahl der Unterrichtsfächer und der Umfang des zu lernenden Stoffes nahmen schlagartig zu, so daß wir oft bis in die frühen Abendstunden an unseren Hausaufgaben saßen. An unser gewohntes Nachmittagsspielen auf der Straße, dem Grundstück oder im nahen Ohligser Wald war unter diesen Umständen nicht mehr zu denken.
    Einige meiner Klassenkameraden, die ich seit der Grundschulzeit kannte, konnten oder wollten sich diesem Druck nicht beugen und verabschiedeten sich nach ein bis zwei Jahren zurück in die Hauptschulen, in denen es wesentlich "streßfreier" zuging.
    Wie empört war ich, als mir meine Kumpels in den frühen Siebzigern weiszumachen versuchten, sie könnten durch die Absolvierung der zehnten Hauptschulklasse gleichfalls die Mittlere Reife erlangen. So eine Ungerechtigkeit, sollte meine ganze Büffelei für die Katz gewesen sein ?
    Unglaublich, aber so war es. Unsere Bildungsoberen wollten eine vertikale Durchlässigkeit im Rahmen der Chancengleichheit und erreichten letztendlich nur eine Entwertung aller Schulformen. So weit dachten wir damals aber noch nicht.
    Die Mehrzahl der Schüler, so auch ich, fuhr bei jedem Wetter mit dem Fahrrad zur Schule. Da die Zahl der Stellplätze im Fahrradkeller begrenzt war und die Drahtesel oberirdisch nicht abgestellt werden durften, lösten unsere Lehrer das Knappheitsproblem durch die Anlage von "Radien" auf einem Stadtplan. Schüler, die die inneren Radien bewohnten, also keinen allzu weiten Schulweg hatten, hatten dann die entsprechend schlechteren Chancen auf einen Stellplatz und mußten notgedrungen zu Fuß in die Einrichtung kommen.
    Unsere Lehrer in dieser Zeit waren noch überwiegend "Autoritäten" und wurden von uns dementsprechend respektiert. Zumindest in den ersten beiden Jahren mußten wir nach der Pause in Zweierreihen vor der Aufgangstreppe Aufstellung nehmen und gingen dann "gesittet" in unsere Klassenräume. Bei Eintreten des Lehrkörpers hatten wir aufzustehen und durften uns erst nach Aufforderung wieder setzen.
    Gefürchtet war bei einigen Paukern das "Abhören" des Stoffes der vergangenen Lektion, da dieses benotet wurde. Clevere Mitschüler konnten sich dagegen ungefähr ausrechnen, wann sie wieder an der Reihe waren, da insbesondere ältere Lehrkräfte oft schematisch nach dem Alphabet im Klassenbuch "abhörten". So konnten wir uns oft ökonomischer auf bestimmte Stunden vorbereiten.
    Der Unterrichtsablauf war von Lehrer zu Lehrer sehr unterschiedlich. Einige begnügten sich damit, den Lehrstoff von wechselnden Schülern aus dem Buch vorlesen zu lassen (Hans Stein), andere gestalteten durchaus spannende Stunden, indem sie auch einmal vom vorgegebenen Lehrplan abwichen (Wilfried Carstens, H.- W. Stodt). Die meisten unserer Steißtrommler dozierten jedoch und hinderten durch mehr oder weniger häufiges Rückfragen uns Schüler daran, einfach mal "wegzudösen".
    Sanktionen bei Fehlverhalten gab es relativ wenige, da die "Spielregeln" für uns damals ziemlich klar waren und Ausfälle nicht geduldet wurden. Die Spannbreite reichte dabei von einer einfachen Strafarbeit über den berühmten "Doppelklatscher" auf die Wangen (Georg Schmelz) bis zu handfesten Stockhieben aufs Hinterteil (Hans Stein).
    Der Umgangston zwischen Lehrern und Schülern war aus heutiger Sicht relativ rauh. Wir wurden selbstredend geduzt und zumindest von den Pädagogen der alten Garde gleichzeitig ausschließlich mit unseren Nachnahmen angesprochen, z.B.: "Müller, komme mal nach vorne und erzähle mir etwas über...".
    Ein Dauerproblem war die Überfülle an Hausaufgaben, die wir mitbekamen, so daß wir einzelne Lehrer gelegentlich um einen kleinen "Erlaß" gebeten haben, der uns von einigen, nicht von allen, dann gnädig gewährt wurde. Gewöhnt wurden wir so an selbständiges geistiges Arbeiten auf einem, gemessen an unserem Alter, relativ hohem Niveau. Einige ehemalige Mitschüler behaupten heute, erst auf dieser Schule das Lernen gelernt zu haben, was ich für mich in vollem Umfang bestätigen kann.
    Für eine reine Jungensschule waren wir Schüler der ausgehenden 60er Jahre erstaunlich "gesittet", was wohl auf die damals noch rigiden Sanktionsmechanismen zurückzuführen war. Rangeleien, "Kräftemessen", und die üblichen Schülerstreiche gab es auch bei uns, sie überschritten aber nie eine gewisse Schmerzgrenze.
    Kein Wunder, wenn einzelne Lehrer (Julius Boden) noch mit Trillerpfeife auf dem Pausenhof flanierten und über die Stränge schlagende Missetäter (z.B. anläßlich einer Schneeballschlacht) unverzüglich zum Direx (G. Eckerth) brachten.
    Auch gelegentlich von uns verübte "Anschläge" mit Knallfröschen auf WC- Bereiche und Lehrerzimmer in unserer späten Fabryzeit änderten an unserer friedlichen Grundhaltung wenig. Selbst das Verbrennen von Schulbüchern (1973) zum Abschluß unserer Schulkarriere wurde vom Lehrkörper sofort unterbunden.
    Völlig erstaunt haben wir dann auch reagiert, als einer unserer stattlichsten Pädagogen (H.-W. Stodt) von einem Schüler niedergeschlagen wurde, als er diesem das Rauchen auf dem Schulhof verbieten wollte. Fast schon mit Erleichterung nahmen wir dann zur Kenntnis, daß der Übeltäter "nur" ein Schüler der benachbarten Hauptschule war. So etwas taten Fabryaner nicht !
    Überhaupt war das Zigaretten- und, etwas später, das Drogenproblem in unserer Zeit noch kaum Thema an unserer Schule. Immerhin wurde ein Klassenkamerad um 1970 nach langem Hin und Her von der Schule relegiert, weil er in seiner Freizeit, animiert durch seinen älteren Bruder, Haschisch konsumiert hatte. So eng wurden damals noch die Spielregeln ausgelegt !
    Als im Nachhinein nachteilig empfanden wir den damals noch bestehenden Lehrermangel, der dazu führte, daß "wichtige" Fächer wie Physik und Chemie jahrelang nicht unterrichtet wurden. Nun ja, wir gehörten nun mal zur geburtenstarken Babyboomer- Generation der fünfziger Jahre, während viele der uns potentiell unterrichtenden Lehrer kriegsbedingt nicht mehr unter uns weilten.
    Die Teilnahme am Religionsunterricht wurde in den späten Sechzigern dagegen zu einer freiwilligen Angelegenheit, vor der sich einige gern gedrückt hätten. Leider war unser Religions- gleichzeitig unser Klassenlehrer (H.-J. Schlechtriem) , so daß es nicht als besonders opportun erschien, dies zu tun.
    Alles in allem kamen bei der Begehung des alten Fahrradkellers in mir Erinnerungen an eine Zeit hoch, die nicht um vieles besser war als die heutige, in der wir uns durch zahlreiche "Regeln" aber besser durch den Dschungel des Zeitgeistes orientieren konnten als die Generation meiner Kinder.

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    Mittwoch, 6. Februar 2019, 15:15

    Unsere Schülerzeitung "Schwarz auf Weiß"

    Zwischen November 1971 und Mai 1972 gaben einige engagierte Schülerinnen und Schüler der Wilhelmine Fliedner- Schule und der Wilhelm Fabry- Realschule, Hilden, eine gemeinsame Schülerzeitung heraus. Man gab den 30- bis 48 - seitigen, gehefteten Broschüren im DIN A 5- Format den passenden Namen "Schwarz auf Weiß". Der "einheitliche Verkaufspreis" lag bei 30 Pfennigen. Geboten werden sollte ein breites Spektrum aus schulischen, kulturellen und politischen Themen. So lauteten einige der in diesen Ausgaben behandelten Themen u.a.:
    - Moskauer Vertrag vom 12. August 1970
    - Geburtstagsliste der Lehrerinnen und Lehrer der Fliedner - Schule
    - Warum haben wir keinen schulfreien Samstag ?
    - Vorstellung des Dietrich- Bonhoeffer Gymnasiums mit Fächerangebot
    - Klagen der Internatsschülerinnen
    - Ungerechte Notengebung
    - Fehler in der Differenzierung
    - Probleme in der Pausenaufsicht
    - Über den Umgangston einzelner Lehrer
    - Fernsehen in der Wilhelmine Fliedner- Schule
    - Was sind die "Jesus People" ?
    - Auftritt der Gruppe "Snoopies" aus Hochdahl
    - Kleingärtnertips
    - Hausaufgaben
    - Austritt aus dem Religionsunterricht
    - Fehlender Politikunterricht
    - Vor- und Nachteile einer Ganztagsschule
    - Patenkind der Fliedner- Schule in Indien
    - Lehrerportraits
    - Interview mit Herrn Kauls zum deutsch- niederländischen Schüleraustausch
    - Geburtsdaten der Lehrer der Fabry- Schule
    - Spielbericht Basketball der Schüler A- Jugend
    Im Jahre 2002 gab ich zu diesem Thema meine eigenen Erinnerungen zum Besten:
    "An die in den frühen Siebzigern verlegte Schülerzeitung "Schwarz auf Weiß" erinnere ich mich noch recht gut. Damals spielte das Thema "SMV" (Schülermitverwaltung) bei Teilen der Schülerschaft im Zuge der 68er Bewegung eine gewisse Rolle. Gewählte Schüler sollten an den Entscheidungsfindungen der Schule, z.B. bei Zeugniskonferenzen, bei Beurteilungen einzelner Schüler usw. aktiv beteiligt werden. Von den Lehrern der älteren Generation wurden diese Forderungen meist lächelnd als "Albernheiten pubertierender Bengels" abgetan.
    Nach meiner Erinnerung kam es während der Verteilung einer neuen Ausgabe von "Schwarz auf Weiß" zu einem Eklat, weil darin ein Lehrer der Fabry- Schule aufgrund seiner Notengebung und seines persönlichen Sozialverhaltens scharf angegriffen wurde. Diese Äußerungen wurden damals vom Lehrkörper zwangsläufig mit äußerster Mißbilligung aufgenommen und die entsprechende Restauflage der Ausgabe von "Schwarz auf Weiß" vom Rektorat konfisziert.
    Meines Erachtens ist "Schwarz auf Weiß" nicht zuletzt aufgrund des Desinteresses großer Teile der Schülerschaft nach nur wenigen Ausgaben bereits wieder eingegangen. Die Exemplare wurden ja nicht kostenlos abgegeben, sondern wurden uns in der Pausenhalle von den Verteilern oft regelrecht aufgedrängt, wobei auch an die Solidarität der Schüler appelliert wurde.
    Das persönliche Taschengeld, soweit überhaupt vorhanden, war bei den meisten Schülern der damaligen Jahre sehr knapp bemessen. Darüber hinaus dürfte die überwiegende Mehrheit meiner Mitstreiter eher unpolitisch und neben den schulischen Pflichten mit den damals gängigen Hobbies beschäftigt gewesen sein.
    Letztendlich soll der Absatz der Hefte in der Fliedner- Mädchenschule deutlich erfolgreicher gewesen sein als bei uns Fabry- Jungs. Ein Schelm, der sich Näheres dazu denkt...
    Dennoch wird aus heutiger Sicht ein Einblick in die damaligen Ausgaben viele persönliche Erinnerungen wecken und einiges vom damaligen Zeitgeist meiner Schülergeneration widerspiegeln".

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    Mittwoch, 6. Februar 2019, 16:05

    Unser erster Fabry- Klassenlehrer Hans Stein (1903 - 1988)

    Viele meiner Fabry- Mitstreiter der Jahre 1967 bis 1969 werden sich noch an unseren ersten Klassenlehrer, Hans Stein, erinnern.
    Es war die Zeit der geburtenstarken Jahrgänge, des akuten Lehrermangels (v.a. wegen der Kriegsverluste) und der daraus folgenden zeitweisen Einführung von Kurzschuljahren. Aus diesem Grund wurden in Einzelfällen bereits pensionierte "Steißtrommler" reaktiviert, so nach meiner Vermutung wohl auch Hans Stein.
    Für uns damals zehn- bis zwölfjährige Bengels bedeutete das Unterricht mit einer Klasse von anfänglich 42 Schülern. In den darauffolgenden Jahren wurden es dann allmählich immer weniger, da einige von uns den damals strammen Leistungsanforderungen nicht mehr folgen konnten und schlichtweg "gegangen wurden".
    Hans Stein war aus meiner damaligen Sicht ein absolut rheinisches Original mit typischem Mutterwitz und selbst für die damalige Zeit sehr konservativer Unterrichtsmethodik. Heute würden Pädagogen sagen, es herrschte "streng lehrerzentrierter Unterricht". Wir hatten vor allem Deutsch, Erdkunde und gelegentlich auch "Bio" bei unserem ersten Fabry- Klassenlehrer.
    Der Unterricht lief nun folgendermaßen ab: beim Eintreten des bebrillten Pädagogen sprang alles von den Stühlen auf und stand mehr oder weniger stramm, bis das Kommando "Sitzen" ertönte. Danach wurden einzelne Schüler unter Nennung des Nachnamens nach vorne zitiert und zum Unterrichtsstoff der vergangenen Sitzung befragt. Die Ergebnisse wurden benotet, was im Einzelfall auch schon mal zu dem von uns gefürchteten Stein´schen Spruch: "Sitzen, Fünf, zwei Seiten !" führen konnte. Die "zwei Seiten" bedeuteten dabei Strafabschrift aus dem Lehrbuch, die bis zum nächsten Unterricht vorzulegen war. Klar, daß bei uns deshalb die ersten Unterrichtsminuten immer besonders "beliebt" waren.
    Nach dem "Abhören" wurde uns neuer Lernstoff eingebleut in der Form, daß Schüler einzelen Abschnitte aus dem Schulbuch vorlesen mußten. Debatten oder Rückfragen waren während der Unterrichtseinheit nicht gestattet. Am Schluß der Lektion wurde verkündet, welche Seiten des Lehrbuchs bis zum nächsten Mal zu lernen seien.
    Mit unserem Klassenlehrer unternahmen wir in den Jahren 1968 und 1969 ganze zwei Klassenfahrten, und zwar nach Aachen und in das Eifeler Schweigekloster Maria Laach. Hans Stein war bekannt dafür, daß er diese Fahrten nur noch ungern unternehm. Zum einen lag´s wohl an seinem vorgerückten Alter, zum anderen an gemachten schlechten Erfahrungen versicherungstechnischer Art. Jedenfalls erging er sich gelegentlich in entsprechenden Andeutungen, ohne dabei konkret zu werden.
    Auch während unserer Rückfahrt von Maria Laach gab es Ärger für Schüler und Lehrer, da wir den eigentlich für unsere Eltern bestimmten Klosterlikör ausgiebig selbst verköstigten und entsprechend angeheitert wieder bei unseren Angehörigen ankamen.
    Hans Stein war einer der letzten Pädagogen an unserer Schule, der noch die Prügelstrafe verabreichte. Damals war das Gesetz auch noch auf seiner Seite, da in NRW als letztem Bundesland die körperliche Züchtigung von Schülern erst 1971 endgültig verboten wurde.
    Ein Baststock lag zu diesem Zweck stets griffbereit im Lehrerpult. Bei Verstößen mußte der Schüler sich dann über das besagte legen, und es gab "Hoonich", nämlich zehn Hiebe auf´s Hinterteil.
    Gelegentlich haben vereinzelt Eltern schon damals gegen das "Vermöbeln" ihrer Sprößlinge Protest eingelegt, aber wohl ohne durchschlagenden Erfolg.
    Trotz seiner gelegentlichen rigiden Maßnahmen war unser Klassenlehrer in Schülerkreisen nicht unbeliebt, wohl wegen seiner gleichzeitig ausgeprägten rheinischen Frohnatur und aufgrund der Tatsache, daß er nie einen Schüler im Affekt schlug, sondern die "Züchtigungen" in der Regel einen handfesten Grund hatten.
    Zum Abschied gab´s im Sommer 1969 daher von unserer 6 b ein großes Glas "Hoonich", über das er sich sehr gefreut hat.
    Ich denke mal, daß meine Mitschüler und ich Hans Stein als den Vertreter einer Lehrergeneration in Erinnerung behalten, die es damals an unserer Schule schon fast nicht mehr gab, den wir- weil wir es nicht besser wußten- dennoch tief respektierten und aus heutiger Sicht als Kind seiner Zeit akzeptieren.

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    Donnerstag, 7. Februar 2019, 16:31

    Hans- Jürgen Schlechtriem oder: Das Wandern ist des Lehrers Lust (2003)

    Mit Bestürzung habe ich erst vor wenigen Jahren erfahren, daß unser Klassenlehrer der Jahre 1969 bis 1971, H.-J. Schlechtriem, bereits 1985 im Alter von nur 45 Jahren verstorben ist.
    Als Angehöriger einer damals jüngeren Lehrergeneration, obwohl noch kein 68er, war unserem zweiten Fabry- Klassenlehrer übertrieben autoritäres Gehabe, wie wir es von einigen unserer älteren Pädagogen gewohnt waren, bereits weitgehend fremd. Dennoch zog er uns Schülern gegenüber noch klare disziplinare Grenzen, die wir auch weitgehend respektierten. Dazu gehörte u.a. auch die distanzierte Anrede der Schüler mit ihrem Nachnamen und dem obligatorischen "Du".
    H.-J. Schlechtriem unterrichtete uns in Mathematik, Physik und während der letzten Jahre auch in ev. Religion.
    Die Teilnahme am Religionsunterricht war zu dieser Zeit zwar schon freiwillig, und wir alle wußten davon, dennoch besuchten fast alle Schüler die Stunden regelmäßig, denn wer wollte es sich schon mit seinem gleichzeitigen Klassenlehrer verderben ?!
    Im Vergleich zu seinem Vorgänger Hans Stein waren bei H.-J. Schlechtriem Rückfragen im Unterricht durchaus gestattet, wurden aber oft mit der Bemerkung: "Da mußt Du eben noch mal ins Buch schauen !" abgebügelt. Dahinter steckte kein böser Wille, sondern eher die Absicht, den umfangreichen Unterrichtsstoff möglichst komplett in dem begrenzten Zeitrahmen unterbringen zu wollen.
    Körperlich auffällig war unser Klassenlehrer durch seine hochaufgeschossene, schlaksige Figur und seine starken Brillengläser, die im Sommer mit hochklappbaren Sonnenfiltern versehen wurden. Von einigen von uns wurde H.-J. Schlechtriem daher scherzhaft als "Der ewige Junggeselle" bezeichnet.
    In Erinnerung geblieben ist mir auch noch eine winterliche Schulhofszene um 1970 mit einer ausufernden Schneeballschlacht unter uns Schülern. Derartiges war "aus Sicherheitsgründen" damals strikt untersagt. Unser Klassenlehrer hatte an diesem Tag Pausenaufsicht und verließ umgehend die Pausenhalle, um dem munteren Treiben Einhalt zu gebieten. Just in diesem Moment traf ihn ein winterliches "Geschoß" mitten zwischen die Augen, sodaß er sich, kurzzeitig "erblindet", in Windeseile und im Rückwärtsgang wieder in das Schulgebäude zurückzog. Inwieweit es sich bei diesem Treffer um einen gezielten Wurf oder um einen Kollateralschaden gehandelt hat, entzieht sich bis heute meiner Kenntnis.
    Am nachhaltigsten dürfte H.-J. Schlechtriem uns damals zwölf- bis vierzehnjährigen Pennälern durch die zahlreichen Klassenfahrten in Erinnerung geblieben sein, die er mit uns unternahm. Soweit ich mich erinnere, stammte er aus der Eifel und galt als sehr wanderfreudig. Entsprechend gingen die Ausflüge meist in die reizvollen Landschaften rechts und links des Rheins und arteten gelegentlich auch in regelrechte Gewaltmärsche bei Wind und Wetter aus, die wir Jungs damals aber mehr oder weniger klaglos hinnahmen.
    Übernachtet wurde meist in Jugendherbergen, in denen wir gelegentlich auch an Herbergsväter gerieten, die beim "Barras" gedient hatten und die uns disziplinarisch "anständiges Bettenbauen" mit den damaligen genormten und beschrifteten grauen JH- Wolldecken ("Deutsches Jugendherbergswerk" und "Fußende") beibringen wollten. Nachdem dies anfing, in Schikane auszuarten, zog unser Klassenlehrer schließlich die Notbremse, und wir verließen sang- und klanglos ohne Bettenbau die freudlose Einrichtung.
    Als es 1973 um eine Empfehlung für das weiterführende Gymnasium ging, riet mir H.- J. Schlechtriem davon ausdrücklich ab, da ich aufgrund meiner mathematischen Leistungen wohl kaum für die Differential- und Integralrechnung der gymnasialen Oberstufe geignet wäre. Recht hatte er, ohne zu wissen, daß wir geradewegs in die Oberstufenreform mit ihrem Kurssystem hineinrutschen sollten, bei dem die Möglichkeit bestand, ungeliebte Fächer wie "Mathe" einfach abzuwählen. Was ich dann zu Beginn der Jg. 12 auch tat.
    Darüber hinaus war ich zu dieser Zeit von einem persönlichen Vieraugengespräch mit ihm sehr angetan, zu dem er mich aufgrund meiner innerfamiliären Probleme herzlichst eingeladen hatte. Woher er davon erfuhr, kann ich heute beim besten Willen nicht mehr sagen. Jedenfalls tat mir das Gespräch sehr gut und erweiterte den Eindruck, den ich von meinem Klassenlehrer hatte, um eine sehr positiv zwischenmenschliche Komponente.
    Die letzte Begegnung mit H.-J. Schlechtriem hatte unsere Abschlußklasse anläßlich unseres (freiwilligen) Besuchs des Düsseldorfer Opernhauses im Sommer 1973, nachdem wir bereits unsere Abschlußzeugnisse der Mittleren Reife in Händen hielten. Gegeben wurde "Die lustigen Weiber von Windsor" von Otto Nicolai. Danach trennten sich unsere Wege endgültig.
    Möge unser viel zu früh von uns gegangener Klassenlehrer Hans- Jürgen Schlechtriem in Frieden ruhen.

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    Freitag, 8. Februar 2019, 14:56

    Schöne Erinnerungen

    ... die nachdenklich stimmen. Ich wurde 1960 eingeschult, der "Lehrkörper" bestand hauptsächlich aus konservativen Lehrern. Obwohl körperliche Züchtigung in Hessen zu dem Zeitpunkt wohl schon verboten war, gab es immer noch schallende Backpfeifen, Ohr drehen, Wurf mit dem Schlüsselbund etc. , war alles noch recht beliebt. Besonders der Rektor, der mit Ach und Krach entnazifiziert wurde (so weit mir heute bekannt) war da noch von der ganz alten Schule. Der konnte einen Grundschüler durch Backpfeifen und brüllen (mit hochrotem Kopf) so fertig machen, dass dieser den Rest der Stunde nur noch als heulendes Häufchen Elend verbringen konnte, unfähig auch nur ein Wort zu artikulieren, was den Rektor zuweilen zu weiteren Wutausbrüchen brachte, und der nächste Schwall an Erniedrigungen auf das Häufchen losgeschossen wurde. Ich war gottseidank nie in der Situation, aber nach dem ersten Ereignis dieser Art hatten alle eine Höllenangst vor diesem armseligen Tyrannen und verließen mit schlotternden Knien das Klassenzimmer am Ende der Stunde.

    Meine schulische Karriere, Aussicht auf eine weiterführende Schule, Real oder Gym, wurde genau im richtigen Moment durch einen Knochentumor unterbrochen. Ich hatte den Zeitpunkt dank eines längeren Krankenhausaufenthalts verpasst. Was heute kein Problem wäre, man wiederholt das Jahr, war damals ein Unding, denn ich war ja "gut" und konnte nicht sitzen bleiben. Andererseits, ich war ja "gut", und so wurde ich ohne Noten in die 5te Klasse versetzt. Meine Eltern waren zufrieden, die Schande des Wiederholers blieb "uns" erspart. Die MR würde ich dann auf einer Handelsschule machen (was tatsächlich auch so kam),sozusagen "alles gut" ;(

    So kam ich in den Genuß, einen ganz jungen Klassenlehrer zu bekommen, im Referendariat und später auch übernommen von der Schule. Ein ganz anderer Schlag, auf den Schüler eingehend, auch verständnisvoll, auch mal witzig, und vor allem konnte er "San Francisco" singen und sich dabei auf der Gitarre begleiten.

    Da er so nebenbei der "oberste Pfadfinder" des Kreises war, führten die Klassenfahrten zwar nicht in die weite Ferne, aber es war immer spannend mit ihm. Lagerfeuer, Lieder singen, Schnitzeljagd usw. hat uns mehr zugesagt als ein staubiges Museum (in dem Alter jedenfalls).

    Später hat er sich weitergebildet, wurde Lehrer für Gehörlose, um sich dann recht früh der Politik zuzuwenden. Ein Sozialdemokrat ala Willi Brandt, erster Stadtrat und wer weiß wohin er noch gekommen wäre. Leider verstarb er völlig überraschend mit nur 50 Jahren an einem Herzinfarkt.

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    Freitag, 8. Februar 2019, 17:02

    Meine Grundschulzeit 1963 bis 1966 und das Übergangshalbjahr 1967

    Hallo Armin,
    interessante Erinnerungen, die nachdenklich machen.
    Meine Grundschulzeit war diesbezüglich sehr entspannt, und die Jahre bis 1966/ 67 waren vermutlich die bis heute schönste Zeit meines Lebens . Es begann mit der Einschulung um Ostern 1963, als wir gemeinsam in einen Grundschulneubau einzogen, der m.W. erst um 1960/61 fertiggestellt wurde (Grundschule Hilden- Süd, Zur Verlach, heute Wilhelm Busch- Grundschule, für alle mitlesenden Hildener ;) ). Unsere erste Klassenlehrerin war eine junge Fachkraft namens Fräulein Just (nach ihrer Heirat 1963 wurde sie Frau Pfeffer), die uns ca. sechs Monate unterrichte, bevor sie in anderen Umständen war. Abgelöst wurde sie von der etwas älteren Eva- Maria Klophaus, die uns bis Ende 1966 unter ihre Fittiche nahm und die mir als sehr liebe- und verständnisvolle Pädagogin in Erinnerung geblieben ist. Geschlagen wurde an dieser Schule überhaupt nicht.
    Allerdings gab es damals noch die Trennung in evangelische und katholische Klassen. Gespielt haben wir natürlich gemeinsam auf dem Pausenhof, nur die Aufgänge zu den evangelischen und katholischen Klassenräumen waren voneinander getrennt.
    Aufgrund der Kurzschuljahre absolvierte ich noch das Übergangshalbjahr 1967 unter Herrn Trapper auf der evangelischen Volksschule, Richrather Straße (ein wilhelminischer Backsteinkasten mit einer ganz eigenartigen Geruchsmischung aus Altbaumief und Bohnerwachs), bevor ich nach den Sommerferien ´67 in die hier beschriebene "Realschule für Jungen" kam. Auf der Richrather Straße, einer relativ stark befahrenen Ausfallstraße Richtung Köln, habe ich 1967 zum bisher ersten und letzten Mal Schülerlotsen im Einsatz erlebt.
    Auch die bereits an anderer Stelle in diesem Forum beschriebene seltsame Geschichte mit einem Vertreter, der uns Abos der Jugendzeitschrift "Rasselbande" (die es 1967 bereits nicht mehr gab) verkaufen wollte, habe ich an dieser "Übergangsschule" erlebt. Relativ häufig fielen in dieser Einrichtung einzelne Unterrichtsstunden aus, stattdessen wurden wir dann in eine Art Aula verfrachtet, in der uns Märchenfilme aus den 50er Jahren präsentiert wurden. Für uns war dies natürlich eine willkommene Abwechslung vom schulischen Einerlei.
    Mögliche, geschweige denn bekennende "Nazis" unter den Lehrern gab es m.W. an der WFR nicht. Allerdings war die Mehrheit von ihnen generationsbedingt Kriegsteilnehmer. Unser Sportlehrer soll Stukaflieger gewesen sein, und unser Herr Kauls war ein ehemaliger Angehöriger des Deutschen Afrika- Korps. Unser Klassenlehrer der letzten Fabry- Jahre, Wilfried Carstens, erzählte gelegentlich im Unterricht von seinen Fronterlebnissen, und von ihm soll im nachfolgenden Beitrag die Rede sein...

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    Freitag, 8. Februar 2019, 17:59

    Wilfried Carstens (1925 - 2014) oder: Die Lust am Fabulieren (2003)

    Die Jahre 1971 bis 1973, in denen Wilfried Carstens von H.-J. Schlechtriem die Klasse 9 und 10 b (mit fremdsprachlichem Schwerpunkt) übernahm, waren eine verrückte Zeit. In vielen gesellschaftlichen Bereichen herrschte eine ungeheure Aufbruchsstimmung.
    Überkommene Werte wurden schlagartig in Frage gestellt, bis dahin unangreifbare "Autoritäten" an Schulen und Hochschulen massiv kritisiert und hinterfragt. Vom damaligen Zeitgeist blieb auch die Fabry- Realschule nicht verschont. Neue Lehrer kamen an unsere Einrichtung , deren liberale Unterrichtsmethodik für uns damals Vierzehn- bis Sechzehnjährige völlig ungewohnt war.
    Bis dahin an "Autoritäten" gewöhnt, hatten wir mit den "Neuen" anfangs erhebliche Akzeptanzprobleme. In schlichten Worten, wir nahmen sie nicht für voll, was einigen zu dieser Zeit bei uns praktizierenden Lehramtskandidaten (Stichwort "Contergan I und II" für alle Eingeweihten) aufgrund unserer Ignoranz leider auch die Karriere kostete, zumindest an unserer Anstalt.
    In unserer zwischen November 1971 und Mai 1972 erschienen Schülerzeitschrift "Schwarz auf Weiß" spiegelt sich vieles vom Geist der damaligen Zeit wieder. Das große Schülerthema war damals "SMV" (Schülermitverwaltung). Gewählte Vertreter der Schülerschaft sollten im Rahmen von Lehrer- und Zeugniskonferenzen an den Entscheidungsfindungen der Schule teilnehmen können.
    Von der großen Mehrheit des Lehrkörpers wurden diese Forderungen als "Albernheiten pubertierender Spinner" belächelt.
    Zoff gab es, als in einer der "Schwarz auf Weiß"- Ausgaben ein Fabry- Fachlehrer aufgrund seines persönlichen Verhaltens und seiner Notengebung scharf (ehrverletzend ?) kritisiert wurde. Nach meiner Erinnerung wurde daraufhin die gesamte Ausgabe zumindest in der Fabry "konfisziert".
    Wilfried Carstens wird manchen von uns als der vielleicht "menschlichste" unserer drei Klassenlehrer während der Fabryzeit in Erinnerung geblieben sein. Er unterrichtete uns in Englisch, Deutsch sowie in Sozial- und Wirtschaftskunde ("Sehen- Beurteilen- Handeln") und galt allgemein als sehr umgänglich. Kleine Diskussionen und Exkurse, die auch schon mal vom Unterricht wegführten, waren keine Seltenheit.
    "Schwänke" aus seinem Leben und die lebendige Wiedergabe von Kriegserlebnissen lockerten den Unterricht mit zuletzt nur noch sechzehn Schülern in der 10 b auf angenehmste Weise auf. Selbstbewußte Mitschüler führten ihn dann durch sanfte Hinweise wieder auf den geordneten Weg des Unterrichts zurück, wenn das "Fabulieren" einmal ein wenig bei ihm überhand nahm.
    Kleine Aufmüpfigkeiten in Form "frecher Bemerkungen" von uns Pubertierenden wurden von Wilfried Carstens freundlich, aber bestimmt im Keim erstickt. Hier war er noch ganz Kind seiner Zeit und vor allem gelernter mehrfacher Familienvater.
    Durch die damals durchgeführte Oberstufenreform an allgemeinbildenden Schulen ergab sich für einige von uns die Möglichkeit, nach der Mittleren Reife das Gymnasium zu besuchen, sofern die Noten auf dem Abschlußzeugnis stimmten.
    Bei mir war das nur sehr bedingt der Fall, umso dankbarer war ich Herrn Carstens, als er mir aufgrund seiner persönlichen Einschätzung ("Der Uwe ist wie ein schlechter Kaufmann; er hat viel zu bieten, aber er verkauft sich schlecht !") eine Empfehlung für die weiterführende Schule schrieb.
    Nach meiner Erinnerung gab es unter Wilfried Carstens nicht die großen und häufigen Klassenfahrten wie unter seinem Vorgänger H.-J. Schlechtriem. Unsere Abschlußfahrt 1973 ging dann auch "nur" zum Zelten ins ländliche Münsterland, wo wir uns über offenen Kesseln an erste eigene Kochversuche wagten. Unsere Nudeln wurden dabei leider nichts, da wir sie vor dem Aufkochen ins kalte Wasser geworfen hatten. Damals war halt noch Muttern für derartige Dinge zuständig !
    Den Abschluß unserer Mittelschulkarriere bildete dann im Sommer 1973 eine Fahrt ins Düsseldorfer Opernhaus mit den Herren Schlechtriem und Carstens. Gegeben wurde "Die lustigen Weiber von Windsor", was die meisten von uns damals eher an Musik von Jethro Tull oder Carlos Santana gewöhnten 16- jährigen doch reichlich verständnislos zur Kenntnis nahmen. Darüber hinaus war die Akustik im Saal auch derart, daß man trotz Programmheft kaum ein Wort von dem Dargebotenen verstand.
    Na ja, was halt zählte, war der gute Wille der Schulleitung, die uns die Hinfahrt und den Eintritt spendiert hatte.
    Was mir nach rund dreißig Jahren in der Erinnerung bleibt, ist der Gedanke an einen Klassenlehrer, der uns in einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs und auch in einer für mich persönlich schwierigen Phase an die Hand nahm und in einer lockeren, verständnisvollen, jedoch auch bestimmten Art zu dem (für einige vorläufigen) schulischen Abschluß führte.
    Gedankt werden soll auch unseren Fachlehrern, den Herren Willhardt, Boden, Gödde, Schmelz, Paegert, Stodt, Heinen, Montag, Lorenz, Stache, und natürlich unserer ersten weiblichen Lehrkraft Heidi Danckwerts, weil sie es mit uns und ihrer Zeit nicht immer leicht hatten.

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    Samstag, 9. Februar 2019, 16:42

    Die 68er- Lehrergeneration an unserer Schule (2019)

    Anfang der 70er Jahre tauchte eine neue Art von Pädagogen an unserer "Realschule für Jungen" auf. Die 68er- Lehrergeneration war da !
    Bis dahin an "Autoritäten" gewöhnt, die uns glasklare Spielregeln vorgaben, hatten wir "Pubertiere" dieser Jahre unsere lieben Probleme mit dieser neuen Spezies von Pädagogen.
    Einige von ihnen gewöhnten sich, um leidvolle Erfahrungen bereichert, relativ schnell einen gemäßigt autoritären Ton an, nachdem sie mitbekommen hatten , mit welcher Art von Schülern sie es in der rauhen Alltagspraxis zu tun hatten (F. Stache), andere scheiterten bereits kläglich in ihrer Referendariatszeit.
    Unter dem damaligen Arbeitstitel "Contergan I und II" sind mir insbesondere zwei dieser Herren in tragikomischer Erinnerung geblieben, die leider aufgrund unserer Undiszipliniertheit keine einzige Unterrichtseinheit gebacken bekamen. Wir hatten als ansonsten eher kurzgehaltene Bengels natürlich schnell heraus, daß wir es mit ihnen machen konnten. Sobald einer der Lehramtsanwärter die Klasse betrat, brach die Hölle los. Bisher an autoritäre Pädagogen gewöhnt, die in Einzelfällen auch noch schlugen, nutzten wir unsere plötzlich gewonnenen "Freiheiten" schamlos aus, um herumzubrüllen, den Referendar mit Radiergummis und einem Hagel von Papierkugeln zu bewerfen oder, wie in meinem Fall, einfach nur entspannt mit dem Banknachbarn "Schiffe zu versenken" und den Unterricht Unterricht sein zu lassen.
    Ich denke heute, daß unsere damalige Überreaktion einfach die logische Konsequenz auf die zumindest kurzfristige Befreiung von dem disziplinarischen Druck war, dem wir ansonsten ausgesetzt waren.
    Leider haben die beiden Referendare m.W. trotz der damaligen Rückendeckung durch unseren Klassenlehrer W. Carstens, der zu dem besagten Termin im Klassenraum anwesend war, die Lehrprobe nicht bestanden. Sie werden sich an eine andere Schule begeben oder um einen alternativen Job bemüht haben.
    Einen Sonderfall stellte die nach meiner Erinnerung erste weibliche Lehrkraft an unserer Schule dar: Heidi Danckwerts, die um 1972 in unserer Einrichtung auftauchte. Nachdem sie während ihrer ersten Unterrichtsstunden ähnlich gelagerte Probleme mit uns hatte wie ihre Vorgänger "Contergan I und II" (einen Frauenbonus billigten wir Heidi nicht zu), kamen eines Tages kreative Mitschüler auf die Idee, sie einmal spaßeshalber anzurufen. Statt empört darauf zu reagieren, lud sie die Jungs kurzerhand ein, ihr gegen Entgelt bei der Renovierung der gerade neu bezogenen Wohnung behilflich zu sein. Von Stund an hieß es daraufhin in unserer Klasse: " Laßt die Frau in Ruhe, die ist ganz in Ordnung !", so daß Heidi D. von nun an halbwegs geordneten Unterricht abhalten konnte, in der Fabry tatsächlich auch Wurzeln geschlagen hat und auch noch im Jahr 2000 aktives Mitglied des Lehrerkollegiums war, wie ein Gruppenfoto aus diesem Jahr eindrucksvoll unter Beweis stellt :thumbup: .

    P.S. Um Nachfragen nach der Entstehung des Spitznamens der beiden gescheiterten Referendare zuvorzukommen: selbstredend handelte es sich nicht um tatsächliche körperliche Behinderungen der Herren, durch die der Name entstand, sondern um die spezielle Körperhaltung der beiden während ihrer Hospitation in unserer Klasse. Sie saßen am hinteren Ende der Klasse wie angewurzelt auf ihren Stühlen, ihre Aktentaschen hochkant (!) auf ihrem Schoß, darüber lässig ihre Hände gelegt, so daß die Handflächen nach unten abwinkelten. In der Erfindung "harter" Spitznamen kannten wir Jungs zu damaligen Zeiten leider keine Gnade.

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    Sonntag, 10. Februar 2019, 17:06

    Unser Lehrer Julius Boden (1910 - 2002) oder: Jules est arrivée ! (2002)

    Am 27. April 2002 verstarb in Hilden im 91. Lebensjahr unser langjähriger Fremdsprachenlehrer an der Wilhelm Fabry- Realschule, Julius Boden. Seit 1959 bis zum Eintritt in den Ruhestand 1975 war er dort in dieser Funktion tätig und verdiente sich durch seine unbeirrbare Art den tiefen Respekt seiner Kollegen und der von ihm betreuten Schüler.
    Geboren wurde Julius Boden am 1.8.1910 als Sohn des Rektors Wilhelm Boden in Rheydt. 1929 machte er sein Abitur in Mönchengladbach, es folgten acht Semester Mittelschullehrerausbildung für neue Sprachen in Köln, Freiburg und Lille. 1933 machte er sein Mittelschullehrerexamen in Köln, war bis 1937 stellungslos und schulte 1938 zum Volksschullehrer um. Im Anschluß war er ab 1939 als Volks- und Mittelschullehrer in Mönchengladbach tätig.
    Im August 1939 wurde er zur Wehrmacht eingezogen und war nach seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft zwischen 1948 und 1951 wieder als Volksschullehrer tätig. Ab Mai 1951 unterrichtete er an der städtischen Realschule in Kaldenkirchen, bevor er zwischen 1959 und 1975 bis zu seiner Pensionierung an der Wilhelm Fabry- Realschule in Hilden tätig wurde.
    2002 schrieb ich auf der Fabryaner- Website einen kurzen Nachruf auf unseren langjährigen Fremdsprachenlehrer: " Mit Bestürzung habe ich zur Kenntnis genommen, daß Julius Boden, mein Englisch- und Französischlehrer der Fabry- Jahre 1967 bis 1973, vor kurzem verstorben ist. Viele meiner Klassenkameraden der damaligen b- Klassen (ab Klasse 7 mit fremdsprachlichem Schwerpunkt) werden sich noch an einen Lehrer erinnern, dessen pädagogische Grundhaltung aus heutiger Sicht vielleicht überholt scheint. Lebhaft in Erinnerung geblieben ist mir noch die gelegentlich von ihm benutzte Trillerpfeife, mit der er uns Rasselbande während der Pausenaufsicht in Schach halten wollte. Dabei mußte es zwangsläufig auch zu Ungerechtigkeiten kommen, als er während einer von uns Bengels angezettelten Schneeballschlacht (die strikt verboten war) pfeifend dazwischenging und im allgemeinen Durcheinander einen weitgehend unbeteiligten Mitschüler willkürlich herausgriff und unserem Direktor Eckerth vorführte, hoffentlich ohne weitergehende Konsequenzen für den Jungen.
    Auch wurde ich bei unserem Abschlußtreffen im Sommer 1973 aufgrund mäßig aufmüpfiger Bemerkungen meinerseits noch einmal kräftig von ihm "eingenordet". In dieser Hinsicht verstand er keinen Spaß, war noch ganz Kind seiner Zeit und wohl auch gelegentlich gegenüber uns Pennälern etwas voreingenommen.
    Unübertrefflich fand ich dagegen seine Didaktik, insbesondere sein handschriftlich angefertigtes "Manual", mit dem er uns die grammatischen Grundzüge der beiden Sprachen Englisch und Französisch in klarster, leichtverständlicher Form vermittelt hat. Das waren vermittelte Kenntnisse, die man nicht hoch genug bewerten kann und von denen ich heute noch zehre.
    Darüber hinaus hat Julius Boden in dieser Zeit viele von uns in hervorragender Form an die Philatelie herangeführt, vor allem auch unterstützend durch die großzügige Rotation seiner Tauschalben und gern gegebene Auskünfte auf diesem Gebiet. So klärte er mich um 1969 eingehend über die Besonderheiten der DDR- Briefmarken auf, von denen ich über meine Verwandten damals einiges erhielt und die aufgrund ihrer "Sperrwerte" auch der Devisenbeschaffung dienten. Hier hat seine Tätigkeit bei vielen, so auch bei mir, nachhaltige Wirkungen hinterlassen.
    Möge unser ehemaliger Englisch- und Französischlehrer Julius Boden in Frieden ruhen."

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    Donnerstag, 14. Februar 2019, 16:38

    Georg Schmelz (1916 - ?) oder: Der Hang zum Doppelklatscher (2019)

    Georg Schmelz gehörte zur ersten Generation der Pädagogen, die an unserer Wilhelm Fabry- Realschule sowie bereits seit 1956 an der Vorläufereinrichtung, der Knabenrealschule an der Gerresheimer Straße, tätig waren.
    Wir hatten ihn Ende der 60er/ Anfang der 70er Jahre einige Zeit in "Deutsch". In Erinnerung geblieben ist mir ein überaus seriös wirkender Herr mit leicht fliehender Stirn, Halbglatze und einem intonierten leicht rollenden "R", der auf mich damaligen Pennäler keinen ganz uneitlen Eindruck machte. Wie die meisten anderen unserer damaligen Lehrkräfte erschien er allmorgendlich mit Anzug und Krawatte zum Unterricht und machte, soweit ich das als damals zwölfjähriger Bengel überhaupt beurteilen konnte, einen überaus gepflegten Eindruck.
    Eigentlich gehörte Georg Schmelz zur Riege der Pädagogen , deren Unterricht in unspektakulär geordneten Bahnen ablief und die man deshalb in späteren Jahrzehnten relativ schnell aus dem Gedächtnis verliert, wären da nicht zwei markante Begebenheiten...
    Georg Schmelz gehörte zur kleinen Riege der Steißtrommler an unserer Anstalt, die noch schlugen. Den Anlaß dazu boten meist kleinere disziplinarische Verstöße im Unterricht, z.B. "Schwätzen" oder "Kabbeleien" mit dem jeweiligen Banknachbarn. Der Delinquent wurde dann aufgerufen, mußte an das Lehrerpult treten und erhielt von unserem Pädagogen einen saftigen "Doppelklatscher" in Form zweier gleichzeitiger, mehr oder weniger harmloser Schläge auf die rechte und linke Wange. Wir Jungs der späten 60er Jahre haben derartige Maßnahmen damals eher sportlich gesehen, zumal auch in nicht wenigen Elternhäusern dieser Zeit noch entsprechend gezüchtigt wurde.
    Gegen Ende des Schuljahres traten wir sogar freiwillig vor unserem Deutschlehrer an, um uns "überschüssige Doppelklatscher aus Restbeständen" abzuholen, und sahen es schlichtweg als eine Mischung aus Jux und kleiner Mutprobe.
    Ebenfalls gegen Ende der 60er begegnete Georg Schmelz nebst Gemahlin meiner Mutter und mir unverhoffterweise, als sie just "Feinkost Albrecht" verlassen wollten. Zwar begrüßten wir uns höflich, wie es damaliger Stil der Zeit war, jedoch war unserem Pädagogen die Begegnung mit einem seiner Schüler ausgerechnet an diesem Ort sichtbar peinlich. Erklärend für alle Nachgeborenen sei dazu gesagt, daß es in den 60ern für Angehörige des gutsituierten Bürgertums, zu denen damals auch Lehrer von weiterführenden Schulen zählten, als äußerst unfein, ja geradezu "unmöglich" galt, bei ALDI einzukaufen. Diese Einstellung änderte sich dann erst in den Folgejahrzehnten.
    Um die Mitte der 70er Jahre verliert sich dann die Spur von Georg Schmelz. Jedenfalls taucht er auf dem Photo des versammelten Lehrerkollegiums von 1976/77 bereits nicht mehr auf. Kolportiert wurde vor einigen Jahren im Gästebuch von fabryaner.de, daß es zu dieser Zeit zu Übergriffen des Lehrers auf Schüler mit dem hölzernen Zeigestock gekommen sein soll und die Situation daraufhin eskalierte. Bei aller gebotenen Vorsicht zu dieser Einzelaussage wären damals daraus entstandene Konsequenzen durchaus denkbar, da sich in den 70ern die Einstellung zu dieser Art von Disziplinierungen radikal geändert hatte und darüber hinaus die Prügelstrafe an Schulen in NRW seit 1971 untersagt war. Bedauerlich wäre es, wenn ein entsprechender Vorfall zu einem vorzeitigen Karriereende von Georg Schmelz geführt hätte.
    Was bleibt, ist die Erinnerung an einen Lehrer, der durchweg bürgerliche Originalität besaß und dem man nur wünschen konnte, daß er seinen verdienten Lebensabend in Frieden mit sich und seinen Zeitgenossen genießen durfte.

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    Dienstag, 19. Februar 2019, 16:40

    Herbert "Beppo" Gödde (geb. 1927) oder: Die Qual mit der Blockflöte (2019)

    Mittlerweile ist unser Musiklehrer der Jahre 1968/69, Herbert Gödde, der letzte noch unter uns weilende Pädagoge unserer "Lehrer der ersten Stunde" an der Wilhelm Fabry- Realschule. Soweit ich mich erinnere, unterrichtete er in Erdkunde, Biologie, Deutsch, Musik, ev. Religion sowie in Sozial-und Wirtschaftskunde, wobei ich ihn als b- Klässler zwischen 1968 und 1969 nur als Musiklehrer und einige Jahre später vermutlich vertretungsweise während einiger Monate in "Bio" hatte.
    Ich muß gestehen, daß ich darüber damals nicht ganz unfroh war, denn Herbert Gödde hatte bei uns den Ruf eines "harten Hundes", der nicht die geringste Disziplinlosigkeit durchgehen ließ, auch wenn er nicht zur Gruppe der "schlagenden Pädagogen" an unserer Schule gehörte.
    1968 bekamen wir "Beppo" in Musik und mußten uns zu diesem Zweck C- Blockflöten der Marke "Moeck" besorgen. In den Folgemonaten erlernten wir das Spielen auf diesem Instrument nach Noten sowie, in einem fortgeschrittenen Stadium, nach dem Werk Carl Orffs. Mir persönlich bereitete das keine größeren Schwierigkeiten. Ich kann mich aber auch an eine Reihe von Klassenkameraden erinnern, die damit ihre liebe Not hatten, was in einem Fall dazu führte, daß beim fehlerhaften Vorspielen einzelner Sequenzen gleich reihenweise "Sechsen" seitens unseres entnervten Musikpädagogen erteilt wurden. Ein Vorgang, den ich als damals elf- bis zwölfjähriger Pennäler als höchst ungerecht empfand.
    Die positive Kehrseite der Medaille bestand darin, daß wir insbesondere über Weihnachten unseren Verwandten auf dem erlernten Instrument einige Stückchen aus den damals unvermeidlichen Tchibo- Weihnachtsheftchen vorspielen konnten, was zumindest in meinem Haus stets beifällig begrüßt wurde.
    Herbert Gödde begann seine Tätigkeit an unserer Realschule am 1.4.1960 und verblieb dort bis zu seiner Pensionierung am 31.7.1989. Somit dürfte er zu den Lehrkräften mit der längsten Dienstzeit in unserer Einrichtung gehören.
    Zwischen 1962 und 1980 erwarb er sich große Verdienste durch die Bewirtschaftung und didaktische Aufbereitung unseres Schulgartens, den ich leider nie "live" erleben durfte.
    Wie entstand nun Herbert Göddes Spitzname ? In den 60er Jahren gab es im Vorabendprogramm des WDR- Fernsehens eine humoristische Krimireihe namens "Die seltsamen Methoden des Franz- Josef Wanninger". Der Protagonist dieser Serie, der Münchner Schauspieler Beppo Brem, besaß eine gewisse Ähnlichkeit mit unserem Pädagogen Herbert Gödde. Von daher rührt also die Entstehung des Spitznamens.
    Überrascht war ich zu hören, daß Herbert Gödde 1945 noch aktiver Kriegsteilnehmer war. In der Riege der uns zwischen 1967 und 1970 unterrichtenden Lehrer hielt ich ihn eher für den "Benjamin" und somit für einen Angehörigen der "weißen Jahrgänge", zu denen auch mein Vater zählte.
    Auffallend war, daß sich Herbert Gödde in diesem Zeitrahmen bereits mit Umweltfragen beschäftigte, wie aus seinen gelegentlichen Äußerungen zu entnehmen war. Derartige Fragestellungen waren für den Normalbürger in den 60er Jahren i.A. noch kein Thema. Unvergessen auch die Plazierung einer durchnäßten Biene auf seinem Handrücken während unseres Schullandheimaufenthaltes in Bergneustadt 1968, die ihn zu der Bemerkung veranlaßte: "Laßt sie, die will sich nur wärmen und trocknen !"
    Gefreut hat mich zu hören, daß Sohn Jochen, mit dem ich zusammen zwischen 1971 und 1973 die 9b und 10b absolviert habe, in die Fußstapfen des Vaters getreten und auch Lehrer geworden ist. Somit setzt sich eine alte Familientradition fort, denn auch Herbert Gödde´s Vater war bereits Volksschullehrer.
    Möge unserem ehemaligen Musiklehrer Herbert Gödde noch ein langes und friedvolles Leben beschieden sein.

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    Freitag, 22. Februar 2019, 16:41

    Hanswerner Stodt (1915 - 1990) oder: Die Lust auf Jack London (2019)

    Unseren Herrn Stodt hatten wir lediglich in einem begrenzten Zeitraum vermutlich noch vor 1970 in "Deutsch". Mir erschien er damals stets ein wenig schroff und kurz angebunden, jedoch keineswegs unsympathisch. Wir Pennäler der b- Klassen wußten alle, daß er eine Beinprothese trug und gingen daher wie selbstverständlich von einer kriegsbedingten Beeinträchtigung aus. Erst viele Jahre später erfuhr ich, daß bereits im Kleinkindalter sein Bein aufgrund eines medizinischen "Behandlungszwischenfalls" amputiert werden mußte.
    Stodt´s Hauptfächer an der WFR waren Deutsch, Biologie und Literatur. In den 70er Jahren soll er nebenberuflich noch Unterricht am Riehl- Kolleg erteilt haben.
    Mit seiner Frau und einer ganzen Anzahl von Haustieren lebte er wohl recht zurückgezogen in der Hildener Heerstraße. Familie Stodt hatte insgesamt fünf Kinder.
    Um 1969/70 teilte uns unser Deutschlehrer Stodt lakonisch mit, daß der Lehrplan eigentlich etwas anderes vorsähe, er mit uns stattdessen aber etwas Interessanteres durchgehen wolle. So kamen wir zur Lektüre von Jack London´s "Wolfsblut", einem Buch, das ich mit zunehmender Begeisterung las und das für Jungs in unserem Alter wie gemacht schien.
    Hanswerner Stodt gehörte zur Altherrenriege der Lehrer an unserer Schule, die noch gelegentlich schlugen, jedoch kam diese disziplinarische Maßnahme zumindest in meiner Klasse nur äußerst selten zum Einsatz. Erinnerlich ist mir, daß Mitschüler K., der gelegentlich zum Stottern neigte, es sich eines Tages mit der Anfertigung einer Hausaufgabe zu leicht machen wollte, indem er eine bereits vorhandene Ausarbeitung seines älteren Bruders einfach aus dessen Hausaufgabenheft herauslöste und in sein eigenes Heft einlegte.
    Lehrer Stodt ging an dem besagten Tag durch die Bankreihen, um unsere Hausaufgaben kurz kontrollierend zu überfliegen, und bemerkte dabei auch die fliegenden Blätter des Mitschülers K. Mit Kennerblick verglich er die naturgemäß unterschiedlich ausfallenden Handschriften der beiden Brüder und verpaßte K. blitzschnell ein paar saftige Ohrfeigen, die diesen fast vom Stuhl fegten.
    Hanswerner Stodt konnte jedoch nicht nur austeilen, sondern mußte in einem speziellen Fall auch einmal einstecken. Das Rauchen auf dem Schulhof oder in den Wirtschaftsgebäuden war um 1970 noch strikt untersagt. Umso erstaunter war Lehrer Stodt während einer Pausenaufsicht, einen ihm völlig unbekannten Pennäler eifrig paffend mitten auf dem Schulhof anzutreffen. Nach zweimaliger vergeblicher Aufforderung, den Glimmstengel auszumachen, schlug unser Pädagoge dem Jugendlichen schließlich die Zigarette aus dem Gesicht. Letzterer schlug jedoch heftigst zurück, so daß sich unser Lehrer plötzlich in ungewollter Rückenlage auf dem Asphalt des Schulhofs wiederfand.
    Der prügelnde Halbstarke dürfte sich daraufhin schleunigst verdrückt haben. Heraus kam, daß es sich um einen Schüler der benachbarten Hauptschule handelte, der wohl Freunde auf unserem Schulgelände besucht hatte und sich dort anonym und sicher vor Disziplinierungen wähnte. Wie sich die ganze Geschichte weiter entwickelt hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Mir selbst wurde von dem für damalige Zeiten unerhörten Vorgang lediglich durch andere Mitschüler berichtet, die sich zum fraglichen Zeitpunkt in der Nähe des "Tatortes" aufhielten.
    In Erinnerung verblieb mir ebenfalls noch die Vorführung des Films "Die Brücke", den wir uns gemeinsam mit den Herren Stodt und Schlechtriem in unserem Musikraum ansahen. Auf die Frage eines Klassenkameraden an unseren Deutschlehrer, wie er "den Film denn gefunden hätte", erntete er äußerst vielsagende Blicke. Hier war unser 1915 geborener Deutschlehrer noch ganz Kind seiner Zeit.
    Möge der bereits 1990 verstorbene Hanswerner Stodt, der in meiner Klasse tiefsten Respekt und aufgrund seines gelegentlichen Nonkonformismus auch ein gewisses Ansehen genoß, in Frieden ruhen.

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    Samstag, 23. Februar 2019, 18:46

    Was wurde aus... dem Fabryaner ? (2005)

    Als 1973er Absolvent verließ ich unsere Lehranstalt "Wilhelm Fabry- Realschule für Jungen" mit recht gemischten Gefühlen. Ein eher negatives "Gschmäckle" hinterließ bei mir die damalige Überfülle an vermitteltem Lehrstoff (Paukhölle Fabry !) sowie der Umstand, daß man nach dem Erreichen eines gewissen Alters in diesem schulischen Umfeld schlecht an eine Freundin rankam...
    Gut dagegen fand ich die Kameradschaft unter uns Jungs und aus heutiger Sicht die Tatsache, daß man es weitestgehend noch mit "Normalos" zu tun hatte. Jugendliche mentale Scheidungsgeschädigte, Prügelknechte, Kampfhundhalter, Junkies und sonstige Auffällige gab es in meinem Umfeld damals noch kaum oder gar nicht.
    Die erste "richtige" Lebensabschnittsbeziehung kam dann erst nach meinem Übertritt in das geschlechtlich gemischte neusprachliche Gymnasium in Wuppertal- Barmen zustande, die dann aber auch über mehr als sechs Jahre hielt. 1976 schloß ich dann mehr schlecht als recht mit dem Zeugnis der Allgemeinen Hochschulreife ab, nachdem ich drei Jahre lang alle Organisationsschwächen des damals neu eingeführten Kurssystems weidlich ausgenutzt hatte, z.B. durch das Schwänzen diverser Unterrichtsangebote wie Sport und Lehrangebote mir eher unangenehmer Pädagogen. Auch Kursangebote, die zeitlich nicht recht passen wollten, wurden von mir gelegentlich gern umgangen...
    Im Sommer 1976 ging ich dann im Genuß der neugewonnenen Freiheit und vorerst ohne feste Pläne für die Zukunft mit Freunden für einige Wochen per Drahtesel auf die Walz bis an die Nordseeküste und nach Dänemark, mehr hätte das ohnehin schmale Reisebudget damals nicht hergegeben.
    Nach einigen Kurzzeitjobs, einer ausgiebigen Überwinterung und zunehmender chronischer Ebbe im Portemonnaie entschloß ich mich dann im Frühjahr 1977, eine Lehre im Erwerbsgartenbau zu beginnen. Umweltschutz war damals in aller Munde, an jedem dritten KFZ klebte der Aufkleber "Atomkraft nein danke", und Grünzeug mochte ich eigentlich schon immer.
    Gesagt, getan, zunächst mußte eine Lehrstelle her, was damals trotz Abitur mit allerlei Klinkenputzen verbunden war. Erst Jahre später realisierte ich, daß wir zur "Babyboomer- Generation" gehörten und sich die Betriebe damals ihre Lehrlinge aus einem großen Pool von Bewerbern herausfischen konnten.
    Daß im Erwerbsgartenbau mehr Chemie und Gifte Verwendung fanden als in vielen Industriezweigen, hatte mir vorher natürlich noch niemand gesagt ! Immerhin lernte ich in Wuppertal- Wichlinghausen zusammen mit meinem Kumpel Dirk B. über zwei Jahre lang konzentriertes manuelles Arbeiten, besuchte einmal pro Woche die Berufsfachschule in Düsseldorf- Oberbilk und schloß im Sommer 1979 mit dem Diplom als "Gärtnergehilfe" ab.
    Danach aber aber nichts wie raus in die lange vermißte Freiheit und von den dürftigen Ersparnissen einen Alternativurlaub in Spanien gegönnt! Dabei eine nette Katalanin kennengelernt, aus hier nicht näher erwähnenswerten Gründen letztendlich die Flucht ergriffen und per Interrail wieder zurück nach Deutschland. Soweit zu den Jugendsünden.
    Im Verlauf meiner anschließenden Tätigkeit als Landschaftsgärtner bei der Stadt Wuppertal in den Jahren 1979/80 entschied ich mich schließlich, immer noch grün angehaucht, zum Studium der Agrarwissenschaften an der Uni Hannover zum WS 1980/81. Absolventen dieses Studiengangs wurden bis in die späten 70er meist die späteren Aspiranten für die Leitung von öffentlichen Garten-, Forst- und Friedhofsämtern.
    Daraus wurde in meinem Fall trotz erfolgreichem Abschluß als Dipl.- Agraringenieur 1985/86 nichts, da die Kommunen aufgrund des allgemeinen Sparzwangs derartige Stellen just in diesem Zeitraum abschafften oder entsprechende Planstellen nicht neu besetzten . Dumm gelaufen !
    Während meines Studiums hatte ich Kontakte zu diversen Studenten und Doktoranden aus der VR China, die sich damals gerade politisch und wirtschaftlich zu öffnen begann. Aufgrund der schlechten Perspektiven im erlernten "Beruf" entschloß ich mich letztendlich auf Anregung meiner chinesischen Freunde, in den Asienhandel einzusteigen, was ich bis heute mit mehr oder weniger großem Erfolg betreibe und eigentlich auch nicht bereue.
    Der Vorteil bestand für mich in einer Reihe von Reisen nach Ostasien, relativ guten Verdienstmöglichkeiten und dem Erwerb einer gewissen Weltläufigkeit, vor allem im Umgang mit der "Denke" anderer Kulturen.
    Als Sackgasse hat sich dagegen meine weiterführende Schul- und Berufsausbildung erwiesen. Diese rund zehn Jahre hätte ich mir eigentlich, aus der Rückschau betrachtet, auch schenken können.
    Aber da bin ich wohl in bester Gesellschaft vieler anderer meiner Generation mit "Patchwork- Karriere".
    Ich gehe heute allmählich auf die fünfzig zu , bin verheiratet mit zwei Töchtern und lebe seit zehn Jahren in einem kleinen Ort westlich von Hannover.
    Was mir die Wilhelm Fabry Realschule letztendlich gegeben hat ? Ich denke, in der Hauptsache die Fähigkeit zu konzentriertem Lernen, zu Arbeitsdisziplin und den Respekt vor den in unserer damaligen Hierarchie Höherstehenden, nämlich unseren verehrten Pädagogen.
    Und ich denke, mehr konnte man von einer Schule dieser Kategorie und ihren Lehrern in unserer Zeit nicht verlangen !
    (Datenstand von 2005)