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    Donnerstag, 3. Januar 2019, 16:17

    Bewegende Momente der 60er Jahre - Der Fall Borgward

    Obwohl ich sowohl als Kind der 60er Jahre als auch in den Folgejahrzehnten, ganz im Gegensatz zu meinem Vater resp. Großvater, nie der große Autofan war, blieb mir der Markenname des ehemaligen Autoherstellers Borgward doch sehr präsent. Dies lag in erster Linie an der langjährigen Firmenchefin und Bürgermeisterin unserer Kleinstadt am Niederrhein, Frau Dr. Ellen Wiederhold, die den Parteifreund und damaligen Direktor unserer "Realschule für Jungen" in regelmäßigen Zeitabständen mit ihrem Borgward Isabella Cabrio besuchte. Kurz, ich fand das Fahrzeug in den späten 60ern sehr formschön und stilvoll, obwohl es bereits nicht mehr ganz in diese Zeit paßte.
    Darüber hinaus beschaffte sich mein alter Herr in den 80er Jahren einen restaurierungsbedürftigen Borgward P 100, der als recht selten galt und Anfang der 60er Jahre als erster deutscher PKW mit Luftfederung produziert wurde. Leider gestaltete sich der Zugang zu den notwendigen Ersatzteilen als äußerst schwierig, so daß mein Vater diese Rarität nach einigen Jahren zähneknirschend "teilrestauriert" weiterveräußern mußte.
    Die Geschichte dieses Automobilkonzerns ist untrennbar mit dem 1890 in Hamburg geborenen Carl F.W. Borgward verbunden. Bereits in den 20er Jahren setzte der begnadete Techniker und Tüftler mit dem Bau des Lieferdreirads "Blitzkarren" Akzente in der damals noch jungen Bremer Automobilindustrie.
    In den 30er Jahren übernahm Borgward die Hansa- Lloyd AG und produzierte in Hastedt Kleinwagen. 1936 kaufte der Unternehmer ein großes Areal in Sebaldsbrück und ließ dort große Produktionshallen errichten.
    Wegen seiner Funktion als Wehrwirtschaftsführer während der Kriegsjahre wurde Borgward 1946 über neun Monate von der amerikanischen Besatzungsmacht interniert. 1948 wurde der Unternehmer als "Mitläufer" eingestuft und startete ab 1949 bereits wieder voll durch, indem er den Grundstein für ein Automobilimperium, bestehend aus den drei Firmen Borgward, Goliath und Lloyd, legte. Insbesondere der Kleinwagen Lloyd LP 300, der legendäre "Leukoplastbomber", wurde in den 50er Jahren zum Verkaufsschlager.
    1954 stellte Borgward den Erstentwurf der "Isabella" vor. Das Fahrzeug traf voll den Zeitgeist der 50er Jahre und wurde zu einem weiteren Verkaufsschlager der Wirtschaftswunderjahre.
    Die Geschäfte liefen in den Folgejahren zunächst blendend, so daß Borgward in Bremen zum größten Arbeitgeber mit zeitweilig über 23.000 Arbeitsplätzen wurde. Von Fachleuten kritisiert wurde in den Glanzjahren lediglich die zu große, verschachtelte Modellpalette sowie die unübersichtliche Finanzbuchhaltung des Unternehmens.
    Doch bereits Ende der 50er Jahre zeichnete sich eine schwerwiegende Unternehmenskrise ab. Carl F.W. Borgward führte das sehr groß gewordene Unternehmen weiterhin patriarchalisch nach Gutsherrenart und war eher an technischen Neuerungen als an einer nachhaltigen Gewinnorientierung des Konzerns interessiert.
    Hinzu kam, daß sich der neu entwickelte Kleinwagen "Arabella", der ab 1959 in Serie ging, als Verkaufsflop erwies, so daß der Konzern allmählich in die roten Zahlen rutschte. Zu allem Überfluß zog der Bremer Senat 1961 kurzfristig Bürgschaftserklärungen über 50 Millionen DM Kreditlinie zurück und stellte den Unternehmer somit vor die Alternative, aufgrund von Illiquidität Konkurs erklären zu müssen oder den Konzern an das Land Bremen zu veräußern. Borgward entschied sich für die zweite Alternative und verkaufte sein Unternehmen an das Land Bremen.
    Der Bremer Senat engagierte daraufhin den Aufsichtsratsvorsitzenden von BMW, Johannes Semler, als neuen Aufsichtsratchef auch für Borgward, owohl dieser als parteiisch und befangen galt und Interessenkonflikte durch seine Position bei BMW nicht von der Hand zu weisen waren. Prompt fuhr Semler den Borgward- Konzern innerhalb von zehn Monaten endgültig an die Wand, so daß dieser schließlich Konkurs anmelden mußte. Die noch verbliebenen rund 18.000 Beschäftigten verloren kurzfristig ihre Jobs, konnten aber aufgrund der wirtschaftlichen Hochkonjunktur meist schnell wieder in anderen Unternehmen Beschäftigung finden.
    Bis heute halten sich hartnäckig Verschwörungstheorien über den raschen Niedergang des Borgward- Konzerns, zumal vor dem Hintergrund, daß im Verlauf des Insolvenzverfahrens alle Gläubiger ihr Geld zurückerhielten, ein in der Wirtschaftsgeschichte eher seltener Vorgang. Kritiker des Verfahrens bezweifelten daher, ob das Unternehmen unter normalen Begleitumständen tatsächlich bereits 1960/ 61 die Konkursreife erlangt hätte.
    Carl F.W. Borgward konnte den Niedergang seines Lebenswerks nie verkraften. Er starb 1963 in Bremen an Herzversagen.

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    Montag, 7. Januar 2019, 11:21

    Borgward

    In der heutigen Zeit wäre so eine Geschichte nicht möglich! Entweder die Gläubiger dürften ordentliche Verluste abschreiben, oder das Unternehmen würde als "gesund" gelten.

    Ich mochte diese Autos in meiner Kindheit sehr, das Isabella Cabriolet war für mich so ziemlich das schönste Auto, was es auf unseren Straße zu sehen gab (wenn auch nicht so oft)

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    Montag, 7. Januar 2019, 16:28

    "Die Affäre Borgward" im Programm der ARD

    An einen Satz meines alten Herrn aus den 70er Jahren kann ich mich noch erinnern: "Mercedes hat Borgward damals kaputtgemacht !".
    Begründet hat er diese Aussage seinerzeit nicht. Vielleicht gibt der heute Abend im Programm der ARD ausgestrahlte Fernsehfilm mit Thomas Thieme in der Hauptrolle weitergehende Auskünfte: "Die Affäre Borgward". Um 20.15 Uhr im "Ersten".
    NT 22 Uhr: meines Erachtens eine durchaus sehenswerte Verfilmung der späten Borgward- Jahre 1959 bis 1961 unter Einfügung zahlreicher Dokumentaraufnahmen und einer guten schauspielerischen Leistung von Thomas Thieme. Auch die auftretenden Kinderkrankheiten der "Arabella" (Spitzname "Aquabella" wegen Undichtigkeiten im Fahrgastraum, darüber hinaus Getriebeprobleme) werden detailliert geschildert.