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    Samstag, 23. Dezember 2017, 11:53

    Zum Blauen Bock

    Schon aufgrund seiner Langlebigkeit war der "Bock" von den späten 50ern bis in in die 80er Jahre eines der erfolgreichsten Musikformate des öfftl.-rechtlichen Fernsehens dieser Dekaden, auch wenn er in diesem Zeitrahmen mehr die Generation meiner Eltern und Großeltern angesprochen haben dürfte.
    Insbesondere meine Mutter war eine begeisterte und regelmäßige Zuschauerin, und auch mein Vater bekam ca. Mitte der 70er eine der begehrten Eintrittskarten zugeschanzt, war jedoch im Nachhinein von Heinz Schenk alles andere als angetan, den er nach der Sendung vergebens um ein Autogramm gebeten hatte :| .
    Wie auch immer: "Zum Blauen Bock" war eine musikalische Unterhaltungsshow des Hessischen Rundfunks, die über 208 Folgen mit jeweils 90 Minuten zwischen August 1957 und Dezember 1987 im Programm der ARD ca. alle sechs Wochen meist an Samstagnachmittagen ausgestrahlt wurde.
    Das Sendungskonzept des Nachbaus einer hessischen Äppelwoi- Schankwirtschaft stammte von dem damaligen Intendanten des Hessischen Rundfunks, Eberhard Beckmann. Es sah neben musikalischen Beiträgen aus Oper, Operette, Volksmusik und Schlager auch Wortbeiträge und in die Sendung eingeflochtene Sketche vor. Der Veranstaltungsort war nicht auf ein Studio fixiert, sondern fand unter Publikumsbeteiligung überwiegend in größeren und kleineren hessischen Gemeinden statt. Hauptbedingung war das Vorhandensein einer für das Format geeigneten Sport- oder Festhalle.
    Moderator und "Wirt" der ersten Stunde war der aufgrund seiner Volkstümlichkeit beim Publikum sehr beliebte Otto Höpfner, der die Sendung aufgrund von Honorardifferenzen Anfang 1966 verließ und zum ZDF wechselte, wo sein Konkurrenzformat "Stelldichein beim Wein" aufgrund mangelnden Zuschauerzuspruchs nach dreizehn Folgen bereits wieder eingestellt wurde. Höpfner bezeichnete in späteren Jahren seinen Honorarzwist mit dem HR als größten Fehler seines Lebens und trat im deutschen Fernsehen nach 1969 praktisch nicht mehr in Erscheinung.
    Sein Nachfolger wurde Heinz Schenk, der den Part der "Wirtin" Lia Wöhr überließ und der gemeinsam mit Reno Nonsens zunächst als "Kellner" auftrat. Während Vorgänger Höpfner seinen Part eher volkstümlich- rustikal ausfüllte, galt Schenk dagegen als ausgesprochener Perfektionist sowie als stetiger Ideengeber und wechselte ab 1968 in die Rolle des "Geschäftsführers", äußerlich erkennbar an seinem Trachtenanzug, der in den Folgejahren zu seinem Markenzeichen wurde.
    Zum weiteren Markenzeichen des "Blauen Bocks" wurden die allen Gästen nach ihrem Auftritt überreichten dekorativen "Bembel", die ab den späten 60ern mit einer Autogrammgravur von Lia Wöhr und Heinz Schenk versehen wurden, da die regulären blauen Krüge markenrechtlich nicht geschützt waren.
    Zur musikalischen Untermalung und Begleitung der Interpreten trug in den ersten Jahren das Tanzorchester Hans Schepior bei, das in der Schenk- Ära von dem Orchester Franz Grothe abgelöst wurde. Schenk und Grothe legten besonders großen Wert darauf, bekannte Opern- und Operettenstars für die Sendung zu verpflichten (Erika Köth, Anneliese Rothenberger, Rudolf Schock u.v.a.), was zu einem der Erfolgsgeheimnisse dieses Formats wurde. Daneben gab Schenk trotz gesanglich eher bescheidener Qualitäten auch eine Reihe von eigenen Liedern zum Besten, teils im Duett mit gesanglich nicht minder begabten Prominenten. Schenk´s Eigenentwicklungen wurden vor ihrer Aufführung meist von Franz Grothe oder R.-H. Müller professionell vertont.
    Am Ende jeder Sendung sangen im großen Finale alle beteiligten Künstler ein gemeinsames Lied, das jeweils unter einem bestimmten Motto stand.
    Trotz des relativ ungünstigen Samstagnachmittagtermins erreichte der "Blaue Bock" in seinen besten Jahren phantastische Einschaltquoten von bis zu zwanzig Millionen Zuschauern. Neben den bereits erwähnten Opern- und Operettenstars traten in der Sendung fast alle prominenten Interpreten der damaligen deutschen "Volksmusik" auf, so z.B. das Medium- Terzett mit über dreißig Auftritten.
    Ab 1967 wurde der "Blaue Bock" im Rahmen der Deutschen Funkausstellung als erstes Format des Hessischen Rundfunks in Farbe gesendet. 1982 wurde die Sendung in das Samstagabendprogramm verlegt, litt in diesem Zeitraum allerdings schon unter tendenziell fallenden Einschaltquoten. Im Dezember 1987 lief in der Frankfurter Festhalle dann die letzte Sendung des "Blauen Bock", immer noch mit dem unverwüstlichen Heinz Schenk, der das Format nach 134 Folgen nicht zuletzt aufgrund seines fortgeschrittenen Alters aufgab.
    Im Sommer 2014 erschien nach dem Tod von Heinz Schenk eine "Best of..." DVD- Edition unter dem Titel "Spätlese- Das Beste aus dem Blauen Bock", die Schenk kurz vor seinem Tod noch mit auf den Weg brachte, alle Highlights insbesondere der Jahre 1969 bis 1980 präsentiert und die unverzichtbar für alle Fans dieses Formats sein sollte. Auch auf www.youtube.com finden sich zahlreiche Clips bis hin zu kompletten Sendungen.
    "Zum Blauen Bock" ist als bedeutender Teil deutscher Fernsehunterhaltung nicht aus der Entwicklung des öfftl.- rechtlichen TV dieser Jahrzehnte wegzudenken. Auch wenn viele Angehörige meiner Generation, die die Sendung teils noch im Kindesalter zusammen mit ihren Eltern gesehen haben, eher weniger zu der vom Hessischen Rundfunk angepeilten Zielgruppe gehört haben dürften... ;) :thumbup: :thumbup: .

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    Dienstag, 20. März 2018, 12:21

    Schenk war übrigens ein richtig guter Schauspieler, was man, wenn man ihn nur vom "Blauen Bock" kennt, vielleicht nicht unbedingt erwartet ...

    Als "eingebildeten Kranken" im Volkstheater Frankfurt fand ich ihn mal sehr überzeugend, und auch in einem Spielfilm mit Kerkeling konnte er zeigen, was er so draufhat ...

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    Dienstag, 20. März 2018, 16:43

    Witzischkeit kennt keine Grenzen

    Ja, als Moderator von "Witzischkeit kennt keine Grenzen" fand ich ihn neben Hape Kerkeling auch überragend.
    Ansonsten fand ich den ersten Wirt des "Blauen Bock", Otto Höpfner, menschlich sympathischer als seinen Nachfolger. Aber das sind teils noch Kindheitseindrücke, die ich heute bei nochmaligen eingehenden Vergleichen vielleicht so nicht mehr hätte.