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    Mittwoch, 12. Juli 2017, 17:56

    Sternstunden des Spielfilms der 60er Jahre - Spur der Steine (DDR 1966)

    Der meiner Ansicht nach überragende Film ostdeutscher Provenienz aus den 60er Jahren verwendete u.a. Stilelemente zeitgenössischer Westernproduktionen, was für DEFA- Produktionen dieser Zeit einigermaßen ungewöhnlich war. Leider geriet das Werk aufgrund seiner sozialkritischen Bestandsaufnahme auf dem 11. Plenum des ZK der SED in das Fadenkreuz der Kritik, was letztendlich zu "organisierten" Störungen während der Vorführungen führte, so daß der Film bereits drei Tage nach seiner Uraufführung aus den Kinos der DDR verschwand und erst im November 1989, begleitet von rekordverdächtigen Zuschauerzahlen, erneut aufgeführt werden konnte.
    Mir selbst dürfte "Spur der Steine" erstmalig in den 90er Jahren durch die Ausstrahlung im ö.-r. Fernsehen untergekommen sein. Ich war damals sofort nachhaltig beeindruckt, zumal ich durch zahlreiche Verwandtenbesuche in Stendal und Halle die Lebens- und Arbeitsverhältnisse in der damaligen DDR einigermaßen gut kannte.
    Die DEFA- Verfilmung der "Spur der Steine" beruhte auf dem gleichnamigen Roman von Ernst Neutsch aus dem Jahre 1964, der im gleichen Jahr mit dem Nationalpreis der DDR ausgezeichnet wurde.
    Die DEFA bot daraufhin dem Regisseur Frank Beyer die filmische Umsetzung an, der neben der Regieübernahme zusammen mit K.-G. Engel auch die Drehbücher verfaßte. Beyer war sich darüber bewußt, daß der zu realisierende Film eine sehr realitätsnahe Schilderung der Lebens- und Arbeitswelt der DDR in den 60ern bieten würde und er sich damit auf eine politische Gratwanderung begab, die unangenehme Konsequenzen nach sich ziehen könnte. So geschah es nach einer Änderung der kulturpolitischen Großwetterlage gegen Ende des Jahres 1965 dann auch.
    Die Dreharbeiten wurden für alle Außenszenen weitgehend in den Industriegebieten von Leuna und Schwedt vorgenommen und konnten Anfang Oktober 1965 abgeschlossen werden. Ende Oktober erfolgte die Freigabe durch die Hauptverwaltung des Ministeriums für Kultur. Mit 2,7 Millionen MDN Produktionskosten gehörte der Film mit zu den kostspieligsten DEFA- Produktionen der 60er Jahre.
    Aufgrund einer Änderung der kulturpolitischen Großwetterlage geriet "Spur der Steine" schnell in den Fokus der SED- Funktionärskritik, da er angeblich eine in sich zerstrittene Partei, teils reaktionär agierende Bauhandwerker sowie Despektierlichkeiten gegenüber Staatsorganen (in der legendären Teichszene) zum besten gab. Bis heute gibt es Diskussionen darüber, ob dem damaligen Kulturminister Klaus Gysi der Film als Ganzes oder nur einige Szenen daraus nicht gefielen.
    Ein Treppenwitz bleibt, daß weder Buchautor Erich Neutsch noch Regisseur Frank Beyer den Sozialismus zur Gänze in Frage stellten, sondern i.W. nur den zeitaktuellen Zustand des ersten deutschen Arbeiter- und Bauernstaates unterhaltsam dokumentieren wollten.
    "Spur der Steine" dreht sich i.W. um die Zimmermannsbrigade unter ihrem Vorhandwerker Hannes Balla (Manfred Krug). Die Gruppe wirkt im real existierenden Sozialismus der DDR- Planwirtschaft ein wenig wie aus der Zeit gefallen, da die Zimmerleute äußerst effektiv arbeiten, alte Handwerkstraditionen pflegen und sich fehlendes Baumaterial auch schon einmal über "inoffizielle" Kanäle besorgen. Dies wird aufgrund der überragenden Leistungen der Gruppe von der Bauleitung auch stillschweigend geduldet, bis der neue, von Idealen beseelte SED- Parteisekretär Werner Horrath (Eberhard Esche) auf der Baustelle erscheint. Nach ersten Reibereien gelingt es Horrath, Balla und seine Truppe für einige produktivitätssteigernde Neuerungen zu gewinnen.
    Gleichzeitig rivalisieren Horrath und Balla um die Zuneigung der neuen Ingenieurin Kati Klee (Krystyna Stypulkowska) in einem "Wettbewerb der Herzen", den der verheiratete Familienvater Horrath für sich entscheiden kann. Dieser beginnt eine heimliche Affäre mit Kati, da er weder seine Familie noch seinen Parteiposten verlieren will. Kati wird schwanger, weigert sich als Parteimitglied aber, gegenüber ihren Genossen den Namen des Vaters preiszugeben, da sie Horrath schützen will. Erst in der Schlußphase des Films bekennt sich Horrath sowohl zu Kati als auch zu seiner Vaterschaft und verliert dadurch seine sämtlichen Parteiämter. Auch läßt sich seine Ehefrau von ihm scheiden, so daß Horrath wieder "von ganz unten" als einfacher Arbeiter ausgerechnet in Balla´s Brigade anfangen muß. Dieser zeigt sich überraschend von seiner menschlich- großherzigen Seite und verteidigt Horrath´s Beweggründe während des Parteiausschlußverfahrens.
    Buch und Film der "Spur der Steine" bilden eine hervorragende Momentaufnahme der Lebens- und Arbeitsverhältnisse in der DDR vor rund fünfzig Jahren ab, die zu diesem Zeitpunkt mitnichten ausschließlich aus "sozialistischen Persönlichkeiten" bestand, sondern ein breites Kaleidoskop von menschlichen deutschen Schicksalen des 20. Jahrhunderts darbot. Mit in Resten noch bestehenden Handwerkstraditionen und facettenreichen Erfahrungshorizonten insbesondere älterer Werktätiger aus den Jahrzehnten vor 1945 wie Kriegserlebnissen und Heimatvertreibung.
    Die Produktion ist m.E. neben ihrem Unterhaltungswert als bedeutendes zeitgeschichtliches Filmdokument auch über fünfzig Jahre nach seiner Entstehung generationenübergreifend immer noch uneingeschränkt sehenswert :thumbsup: :thumbsup: .