•         *[Home] *[Fernsehen] *[Bücher] * [Comics] *[Musik] *[Alltag] * [Zeitgeschichte]

    Sie sind nicht angemeldet.

    21

    Sonntag, 25. September 2011, 21:53

    Wir haben unsere Laternen selber gebastelt, erst im Kindergarten, dann später auch in der Schule. Und als meine Kinder das Kindergartenalter erreicht hatten, war es im Kindergarten üblich, dass die Mütter an einem Nachmittag in den Kindergarten kamen und den Kindern beim Basteln geholfen haben. Danach gab es dann ein Kaffeetrinken für die Mütter.

    22

    Montag, 26. September 2011, 20:45

    Kindergartenbesuch in den 60ern

    Soweit ich das überschauen konnte, gab es in unserer Wohnsiedlung in den 60ern kein einziges Kind, das den Kindergarten besucht hat. Kindergartenkids waren für uns Geschöpfe, deren Mütter berufstätig waren oder sein mußten oder deren Familien wohlhabend genug waren, derartiges zu finanzieren. Für die meisten Frauen galt damals das Prinzip der "Versorgungsehe": der holde Gatte schaffte an, die Dame des Hauses verwaltete Hauskasse und Hausstand, erledigte die hauswirtschaftlichen Tätigkeiten und sorgte sich um das Wohl der Kinder.

    Wir Kids trafen uns auf der Straße, auf den Grundstücken oder bei schlechtem Wetter auch mal in der Wohnung (sofern unsere damals meist sehr peniblen Mütter Besuche zuließen). Ausflüge führten auch in den nahe gelegenen Wald oder in die Kiesgruben. Bei dem überzogenen Sicherheitsbedürfnis mancher Eltern von heute würde diesen bestimmt ob unseres Spielverhaltens und unserer Abenteuerlust die Haare zu Berge stehen.

    23

    Montag, 26. September 2011, 22:14

    Wie schon erwähnt, ging ich in den Kindergarten, auch wenn ich eine Oma hatte, die auf mich aufgepasst hat, wenn meine Mutter arbeiten ging. Allerdings war ich kein Tageskind, ich musste also im Kindergarten weder mittagessen noch schlafen, sondern wurde von meiner Oma um 12 wieder abgeholt. Ich ging ganz gerne, obwohl ich in den Kindergartenferien auch nicht gerade unter Langeweie gelitten habe. Aus meiner Sicht hatte aber der Kindergarten den Vorteil, dass ich schon viele von den Kindern kannte, mit denen ich dann später eingeschult wurde.

    24

    Dienstag, 27. September 2011, 21:25

    Ganz genau, der Erwerb von sozialer Kompetenz gilt heute als Hauptargument dafür, seine Kinder in eine "Kita" zu schicken. Und darüber hinaus kennen die Kids viele ihrer Klassenkameraden bereits bei der Einschulung, dadurch wird die Hemmschwelle gesenkt, die zur Zeit meiner Einschulung Anno 1963 (damals noch nach Ostern) sehr hoch war.

    Meine beiden Mädchen waren zwischen 2002 und 2008 in Kitas. Der Kontakt zwischen den Eltern war teils recht intensiv. Erschreckend war für mich die zu machende Feststellung, das nahezu 40 % der Kinder von alleinerziehenden Müttern großgezogen wurden. Hierin sehe ich eklatante Degenerationserscheinungen unserer Gesellschaft.

    25

    Dienstag, 27. September 2011, 22:31

    Auch ich war nach meiner Scheidung jahrelang alleinerziehend (drei Kinder). Heutzutage halten Frauen eben nicht mehr an einer längst nicht mehr funktionierenden Ehe fest, nur um versorgt zu sein. Damit tut man weder sich selber noch den Kindern etwas Gutes.

    Und meine Omas waren auch beide alleinerziehend gewesen, beide waren Witwen gewesen. Meine Oma väterlicherseits, die mich betreut hat, war Kriegerwitwe, der Vater meiner Mutter ist an einer Herzkrankheit gestorben. Ich habe daher beide Großväter nicht kennen gelernt.

    26

    Mittwoch, 28. September 2011, 09:33

    Bei uns auf dem Dorf gab es Anfang der 60er zwar schon einen Kindergarten, die Gruppe der Kinder, die ihn besuchte war aber noch sehr klein. Die meisten Kinder spielten draußen auf dem Hof oder der angrenzenden Straße. Unser Aktionsradius im Vorschulalter war noch sehr gering und beschränkte sich auf die nächste Umgebung der elterlichen Wohnung. Dadurch war auch der Kreis der Spielkameraden begrenzt, so dass man zu Schulanfang doch mt vielen, bisher unbekannten Kindern, konfrontiert war. Allerdings galt das auch für Kindergartenkinder, da die Kinderanzahl dort noch nicht allzu hoch war. Mit der Schulzeit weitete sich dann die Anzahl der Spielkameraden als auch der der Aktionsradius aus, zuerst der offizielle (da wo wir hin durften) dann vor allem auch der inoffizielle (da wo wir nicht hin durften, aber hin gingen) also das ganze Umland des Dorfes: Wald, Wiesen, Bäche, Flüsse.

    Alleinerziehende Mütter gab es auch schon viele, wenn auch nicht so viele wie heute und auch aus anderen Gründen. Scheidungen waren so gut wie unbekannt. Die alleinerziehenden Mütter waren entweder Witwen, deren Männer früh verstorben waren, zum Teil noch an Spätfolgen von Krieg und Gefangenschaft, oder sie hatten uneheliche Kinder, darunter auch die sog. "Besatzungskinder". Da unser Aktionsraum weitgehenst "draußen" war, zählten bei den Kindern in erster Linie Fähigkeiten beim Fußballspielen, Bäche stauen, Tiere fangen usw., Phantasie und ähnliches. Herkunftsfamilie, Wohnverhältnisse, sozialer Status usw. waren damals noch nicht so ausschlaggebend wie heute.

    27

    Mittwoch, 28. September 2011, 12:49

    Moralvorstellungen damals

    Damals galt ein uneheliches Kind noch als eine Schande. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie meine Oma und ihre Freundinnen über Mädchen hergezogen sind, denen so etwas passiert ist. Gefallene Mädchen nannte man sie. Und die Kinder hatten viel unter Hänseleien zu leiden, wie "Du hast ja keinen Papa!" Manches Paar wurde damals regelrecht in eine Ehe hineingedrängt, wenn ein Kind unterwegs war. Meine Eltern mehr oder weniger auch. Mein Vater war erst 19 und musste erst mal für mündig erklärt werden. Er hatte mal grade erst seine Lehre beendet. Dadurch hatten sie ja auch noch kaum was, als sie geheiratet haben, und mussten zu zweit arbeiten gehen, damit mein Vater noch seinen Meister machen konnte. Ich möchte lieber nicht wissen, wie viele unglückliche Ehen durch solchen Zwang zustande gekommen sind.

    Überhaupt, wenn man nicht nach gewissen gesellschaftlichen Normen lebte, war man schnell unten durch. Ich weiß noch gut, wie über eine Frau getratscht wurde, die bereits Monate vor der Hochzeit zu ihrem Verlobten, einem wesentlich älteren Witwer, gezogen ist. Man tratschte nicht nur wegen der "wilden Ehe", sondern argwöhnte, dass die Frau auf die gute Rente des Mannes scharf wäre. Die Frau war bereits Mitte 30, so etwas nannte man damals noch ein spätes Mädchen. Oder, wie sich meine Mutter ausdrückte, ein älteres Fräulein. Der Mann war etwa doppelt so alt, er hatte ein paar Jahre vorher seine erste Frau durch Krebs verloren. Dabei hatte die Frau eine Versorgungsehe bestimmt nicht nötig. Sie hatte eine gute Stelle im Büro, die sie auch nicht aufgegeben hat. Jedenfalls bin ich mir ziemlich sicher, dass sie den Mann, wenn vielleicht nicht aus Liebe, so aber doch aus Sympathie geheiratet hat, und nicht um versorgt zu sein, wie böse Zungen behaupteten. Wegen solcher Dinge würde sich heute keiner mehr aufregen. Weder über "wilde Ehen", noch darüber wenn eine Frau erst spät heiratet, oder auch gar nicht, noch über erhebliche Altersunterschiede zwischen Eheleuten. Und auch nicht über uneheliche Kinder.

    Scheidungen waren früher auch ein heikles Thema, und vermutlich hielten viele Frauen auch nur deshalb an unerträglichen Ehen fest, weil sie sonst gesellschaftlich unten durch waren, oft genug sogar bei der eigenen Familie. Krasses Beispiel, es handelte sich um die Eltern einer früheren Schulkameradin von mir: Familie mit vier Kindern, der Mann ging irgendwann fremd, vermutlich weil seine Frau nach all den Geburten und der vielen Hausarbeit nicht mehr attraktiv und schön genug war. Als die Kinder dann aus dem Gröbsten raus waren und alle in der Schule waren, so dass die Frau arbeiten und sich auf eigene Füße stellen konnte, reichte sie die Scheidung ein. Ihr werdet es kaum glauben, es sind wesentlich mehr Leute über die unschuldig geschiedene Frau hergezogen als über den schuldig geschiedenen Mann.

    28

    Mittwoch, 28. September 2011, 18:19

    Sogenannte Frühehen oder Mussehen (was damals so ziemlich dasselbe war) gab es häufig. Aufklärung fand kaum statt, über solche Dinge redete man nicht, Verhütungsmittel waren kaum zu bekommen, die Pille gab es in den 60ern nur für verheiratete Frauen, also möglichst schnell heiraten, bevor die Schwangerschaft sichtbar wurde. Gerade auf dem Dorf wo fast jeder jeden kannte, galt es zumindest nach außen den Schein moralischen Lebens zu wahren. Es allen recht zu machen war eigentlich gar nicht möglich. Geredet wurde immer. Hatte ein Mädchen mit 16 Jahren einen Freund, galt sie als Schlampe, hatte sie mit 20 noch keinen, als alte Jungfer, die bestimmt keinen mehr abbekommt. Vor der Hochzeit kam eigentlich noch die Verlobung, mit Ringen und großer Feier. Das hieß aber nicht, dass das Paar anschließend zusammenziehen durfte, vorehelicher Geschlechtsverkehr war verboten (Eltern die ein verlobtes Paar im gleichen Zimmer übernachten ließen, konnten wegen Kuppelei bestraft werden). Verlobung ist auch etwas, was es heutzutage viel seltener gibt.

    Auch wir Kinder hatten uns an die Etikette zu halten. Wehe man lief mal einem bekannten Erwachsenen über den Weg und vergaß zu grüßen. Ein "Hallo" als Gruß war nicht zulässig, das hieß je nach Tageszeit Guten Morgen, Guten Tag oder Guten Abend.

    29

    Mittwoch, 28. September 2011, 18:42

    Zitat

    Auch wir Kinder hatten uns an die Etikette zu halten. Wehe man lief mal
    einem bekannten Erwachsenen über den Weg und vergaß zu grüßen.
    Ja, das kenne ich. Die ganzen Freundinnen von meiner Oma beschwerten sich direkt bei ihr, wenn ich mal eine von ihnen nicht gegrüßt habe, und dann konnte ich mir einen Vortrag über Höflichkeit und gutes Benehmen anhören. Und wehe, man begegnete auf der Straße einem Lehrer und begrüßte ihn nicht. Dann konnte man sich am nächsten Schultag so einen Vortrag vor der ganzen Klasse anhören, oft genug in der Schämecke.

    Und wenn man einem Priester im Messgewand begegnete, der einen Kelch trug, wenn er gerade zu einer Krankensalbung unterwegs war, musste man einen Knicks machen. Jungs mussten auch die Mütze ziehen.

    Mir ist übrigens noch ein anderer Brauch eingefallen, und das war die Aussteuer. Ab meinem vierzehnten Geburtstag bekam ich zu Geburtstagen und Weihnachten von meiner Oma immer zusätzliche Geschenke, die waren für meine Aussteuer gedacht: Bettwäsche, Tischdecken, Geschirr, Kochtöpfe, alles das, was frau so braucht, wenn sie einen eigenen Haushalt gründen will. Ich durfte mir die Sachen selber aus dem Otto-Katalog aussuchen, sie waren also wirklich nach meinem Geschmack und modern und nichts aus Urgroßmutters Zeiten. Als ich dann später zu Hause ausgezogen bin, war ich froh, die ganzen Sachen zu haben, das hat mir viel Geld erspart. Vieles davon hatte ich jahrelang, das war nicht der Wegwerfkram von heute.

    Der Brauch ist mittlerweile aus der Mode gekommen, und meine Kinder haben keine Aussteuer gesammelt. Allerdings haben sie auch nicht "nein, danke" gesagt, wenn ich ihnen hier und da hübsche Bettwäsche gekauft habe, und diese Sachen haben sie auch mitgenommen.

    30

    Mittwoch, 28. September 2011, 22:20

    Ethik und Moralvorstellungen in den 60ern

    Als Junge wurde ich dazu erzogen, Erwachsene stets zuerst zu grüßen und bei der Begrüßung per Handschlag den sog. "Diener" zu machen. Dies kam aber in den späten 60ern eher aus der Mode und wurde mir von meinen Eltern dann auch nicht mehr abverlangt. Wichtiger für meine Gesamtentwicklung halte ich, daß sich meine Eltern bewußt gegen Prügelmaßnahmen ausgesprochen haben und sich, von wenigen Ausnahmen abgesehen, auch weitgehend daran hielten. Mit diesem Verhalten waren sie eher die Ausnahme in dem Zeitrahmen, von dem wir sprechen. Für wichtig hielt ich auch, daß sie mein Leben strukturierten. Nach der Schule gab es Mittagessen, danach wurde der Esstisch gereinigt und ich begann mit den Hausaufgaben dort am Tisch. Ein eigenes Zimmer hatte ich nicht. Danach hatte ich weitgehend freie Hand, konnte in der Wohnung spielen oder meine Freunde aufsuchen. Abendbrot gab´s dann wieder pünktlich um 18 Uhr.

    Eine meiner Tanten hatte ein uneheliches Kind und war in dieser Zeit selbstredend als Frau "deklassiert". Eine weitere Großtante wurde auf der Flucht von den Russen vergewaltigt und galt deswegen auf dem Heiratsmarkt der 50er Jahre nur noch als "2. Wahl". Ihre traumatischen Erfahrungen wurden von keinem Psychologen therapiert, dies war in den 60ern noch kein Thema für Herrn und Frau Jedermann. Ältere, alleinstehende Damen galten bei uns als "Alte Jungfern" (sofern nicht verwitwet) und als nicht normal. Eine gewisse soziale Kontrolle und, aus heutiger Sicht, Kleingeistigkeit, war insbesondere in den kleineren Städten durchaus noch an der Tagesordnung. Dennoch haben nach meiner Erinnerung viele "Versorgungsehen" erstaunlich gut funktioniert. Das lag einerseits an der klaren Rollendefinition der Geschlechter und andererseits an den noch meist recht einfachen Lebensumständen. Man freute sich bereits über kleine Fortschritte in der Erhöhung des Lebensstandards und wollte gemeinsam etwas aufbauen. Die größte Lebensleistung für eine Durchschnittsfamilie lag dabei in der Errichtung eines Eigenheims, eine Leistung, die viele Nachgeborene heute als Selbstverständlichkeit annehmen, obwohl sie für unsere Elterngeneration oft mit eisernem Sparen und Verzicht auf viele weitere Annehmlichkeiten verbunden war.

    Alleinerziehende Mütter gab es nach ´45 insbesondere bei Kriegerwitwen, also durch höhere Gewalt. Die Scheidungsrate war relativ gering und eher auf Oberschichtsangehörige beschränkt.

    Leider gehört unsere Generation im Gegensatz zur Generation unserer Eltern zu der mit einer extrem hohen Trennungsquote. Die Gründe dafür sind bekannt: verändertes Rollenverständnis insbesondere von Frauen, wirtschaftliche Unabhängigkeit durch vermehrte Berufstätigkeit von Frauen und dadurch Wegfall der "Versorgungsehe", geringere Toleranzschwellen auf beiden Partnerseiten und Zeitgeistfaktoren bis hin zu Elementen von "Wohlstandsverwahrlosung".

    31

    Mittwoch, 28. September 2011, 23:45

    Zitat

    Dennoch haben nach meiner Erinnerung viele "Versorgungsehen" erstaunlich
    gut funktioniert. Das lag einerseits an der klaren Rollendefinition der
    Geschlechter
    Das ist es ja: Die Frauen hatten gar keine andere Wahl, als zu kuschen und sich von den Männern alles gefallen zu lassen! Mädchen wurden damals auf das Ziel hin erzogen, dass sie doch bald heiraten würden, und oft genug wurde ihnen nicht mal eine richtige Ausbildung zugebilligt. Sie hatten also nichts, worauf sie hätten zurückgreifen können, in dem Fall, dass die Ehe nicht mehr funktioniert. Solche Puttchen haben dann natürlich nicht aufgemuckt. Zumal sie auch noch Angst haben mussten, von der eigenen Familie verachtet zu werden, wenn sie eine nicht mehr funktionierende Ehe aufgaben. Und die Frauen, die wirklich vor der Ehe gearbeitet hatten, die waren dann durch Kindererziehung derart lange aus dem Beruf heraus, dass sie in der Arbeitswelt auch kaum noch Fuß fassen konnten. Bestenfalls konnten sie dann noch putzen gehen.

    32

    Donnerstag, 29. September 2011, 17:34

    Kuschende Frauen

    Also, meine Mutter (Jg. 1934) hat in Ehe und Familie alles andere als gekuscht. Sie hatte eine Ausbildung im Einzelhandel abgeschlossen und ist ihrem späteren Mann, der sich bereits 1951 aus der DDR über die grüne Grenze in den Westen abgesetzt hatte, drei Jahre später gefolgt. Geheiratet haben sie 1955 trotz fehlender materieller Voraussetzungen (kein Brautkleid, keine Hochzeitsfeier). Bis zu meiner Geburt 1957 arbeitetete meine Mutter in einer Besteckfabrik und ab 1967 wieder im Einzelhandel. Die Ehe verlief aus meiner Sicht durchaus im "modernem" partnerschaftlichen Einvernehmen. Das Problem bestand eher darin, daß sich mein Vater ab 1965 selbständig machte und immer weniger Zeit für die Familie erübrigen konnte.

    Im übrigen sind mir aus meinem nachbarschaftlichen Umfeld in den 60ern durchaus auch Fälle bekannt, in denen die "Hausherrin" die Hosen anhatte und die Richtlinien der Familienpolitik vorgab, bis hin zum verhängten Ausgehverbot für ihren Göttergatten. Ausgesprochene Haustyrannen kannte ich nur wenige, wobei auch zu berücksichtigen war, daß durch Krieg, Flucht und Vertreibung unzählige traumatisierte Mitmenschen unter uns lebten. Über die Flucht 1945 und den damit verbundenen Kriegserlebnissen konnte ich mit Vater und Großeltern erstmals Mitte der 70er halbwegs sachlich reden, ohne daß gleich die Tränen flossen.

    33

    Dienstag, 15. November 2011, 09:46

    RE: Sankt Martin in den 60ern

    Eine der schönsten und bleibendsten Kindheitserinnerungen war für mich das Martinssingen im November. Regulär mußten wir Kinder spätestens um 18 Uhr pünktlich zum Abendbrot wieder zuhause sein. Diese Regelung wurde nur einmal jährlich Mitte November aufgehoben. In den Bäckereien unserer niederrheinischen Kleinstadt gab es um diese Zeit immer "Weckmänner", ein Männchen aus süßem Brotteig mit einer Tonpfeife. Gesungen haben wir meist 2-3 Tage lang mit sehr großem Ertrag. In unserer Wertschätzung standen die "Bäulchen" ganz unten, da sie die Masse unseres Ertrags ausmachten, weit darüber standen Schokolade und Schokoriegel (Nuts, Mars oder Milky Way, umfangreicher war das Angebot seinerzeit nach meiner Erinnerung noch nicht). Absolute Spitze war jedoch.... Geld ! Die Gaben reichten dabei von 10 Pfennigen bis zu einer halben Mark, für uns damals eine Menge Holz.

    Unser Repertoire an Lieder war recht begrenzt. Natürlich das Martinslied, daneben "Laterne, Laterne", "Ich geh´mit meiner Laterne" und das "Giezhalslied" für hartnäckige Spendenverweigerer.

    Leider gab es dann in den späten 60ern auch bereits Überfälle von älteren Jungs auf kleinere Kinder mit wohlgefüllten Tüten, nach heutigem Sprachgebrauch "Abziehen". Unsere Gruppe konnte sich dem jedoch durch rechtzeitiges Verdrücken in Hauseingänge entziehen.

    Die Festbeleuchtung bestand bei uns aus recht einfachen Papierlaternen mit Kerze, die bei Wind oder unvorsichtiger Handhabung auch schon mal "abfackelten", was dann immer ein großes Hallo auslöste.

    In unserer Region haben Erzieher und Lehrer Anfang der 90er teils recht erfolgreich versucht, daß Martinssingen bei den Kids populärer zu machen. In den letzten Jahren ist dies, zumindest bei uns, wieder stark rückläufig. Die meisten Kinder bekommen ganzjährig ausreichend Süßigkeiten, und so fehlt halt der Anreiz. Schade eigentlich.
    Sankt Martins Tag in der 3. Klasse, ist mir noch in lebhafter Erinnerung.

    An den Tagen vorher musste jeder Schüler aus einem Lebensmittelladen 2 große runde, aus Pappe bestehende Käseverpackungen (darin waren die Käsedreiecke) ,schwarzen Karton und buntes Pergamentpapier besorgen. Daraus wurde nun eine Laterne gebastelt.

    Von einigen meiner Mitschüler erfuhr ich, das in Sachsenhausen einem auf der anderen Seite des Mains liegenden Stadtteil, ein Laternenumzug stattfinden sollte.
    Die Großmutter eines Mitschülers war bereit, mich auch mitzunehmen. Mir war klar, wen ich meine Eltern vorher gefragt hätte, wäre es mir nicht erlaubt worden.

    Also habe ich meine Laterne diesem Mitschüler mitgegeben und bin dann an dem bewussten Tag um 17 Uhr mit der Großmutter und den anderen über die Brücke nach Sachsenhausen zu einer Kirche. ( Hätte um 18 Uhr zu Hause sein müssen)


    Dort angekommen wurden die Kerzen in den Laternen angezündet und es wurde gesungen. Plötzlich kam ein römisch gekleideter Reiter mit einem großen roten Umhang daher und aus einer anderen Richtung ein in Lumpen gehüllter Bettler.(Ich kannte bis dahin nicht die Geschichte vom heiligen St. Martin)
    Großherzig teilt nun St. Martin seinen Umhang in 2 Teile und gab dem frierenden Bettler die Hälfte.

    Das St. Martins Spiel war nun aus, und wir wollten nun wieder los als ich nun sah wie der heilige St. Martin sein Kostüm abstreifte und anschließend mit einem Fahrrad davon fuhr. Als ich jetzt nach dem Bettler schaute entdeckte ich wie dieser seine Lumpen in den Kofferraum eines Porsche packte und ebenfalls wegfuhr.

    Das gab mir dann doch zu denken.

    Jetzt ging es in verschiedene Häuser, in denen für uns Kinder wärme Getränke, Lebkuchen, Plätzchen und andere Naschereien bereitlagen. Überall war mit Fackeln oder Kerzen beleuchtet. Wir Kinder mochten in dieser Zeit die Dunkelheit besonders gerne. (Das tollste war abends noch mit Taschenlampe draußen sein)
    Diesen Lichtschein, auch noch durch die vielen Laternen, habe ich nie vergessen.

    Als wir über den Main zurück gingen warf ich meine Laterne in den Fluß. Sie brannte noch und ich konnte sie noch lange wegtreiben sehen.

    Da ich keine Uhr hatte, war mir nicht klar das es weit nach 20 Uhr war wie ich zu hause ankam. Der Rest ist Schweigen!!!

    34

    Dienstag, 15. November 2011, 13:24

    Sankt Martin in den 60ern

    Den offiziellen Laternenumzug mit einem "echten" St. Martin hoch zu Roß gab es bei uns im Rheinland auch, allerdings wurde er eher von Kindern im Vorschulalter mit ihren Müttern besucht. Daß sowohl St. Martin als auch der Bettler sich danach vor den Augen der Kinder "enttarnten", war natürlich äußerst unklug, denn Kinder sind ja bis zu einem bestimmten Alter äußerst gläubige Wesen. Aus den schon genannten Gründen war das "Singen" für uns sehr attraktiv, nämlich das Herumlaufen in der Dunkelheit und die zahlreichen Gaben, mit denen wir ansonsten über das Jahr nicht übermäßig verwöhnt wurden.

    Aufgehört haben wir erst damit im zarten Alter von 13 bis 14, nachdem uns Erwachsene immer öfter in den Hauseingängen die Frage stellten: " Seid ihr nicht schon ein wenig zu alt dafür ?"

    Einen Heidenspaß hat es über die Jahre auf jeden Fall gemacht und gehört heute zu meinen bleibenden Kindheitserinnerungen.

    In unsere Wohnanlage sind in diesem Jahr übrigens ganze 3 (!) Gruppen zum Singen gekommen, die Tendenz war in den letzten Jahren stetig abnehmend.

    35

    Samstag, 27. Oktober 2012, 11:46

    Kartoffelferien

    In vielen Bundesländern sind jetzt Herbstferien. Bei uns auf dem Dorf waren diese Ferien auch noch als "Kartoffelferien" bekannt. Die Kinder bekamen schulfrei, weil sie bei der Kartoffelernte helfen mussten. Zu meiner Grundschulzeit wurden wir Kinder (größtenteils) dazu nicht mehr benötigt. Nach der Kartoffelernte zogen wir Jungs über die geernteten Felder und sammelten übersehene Kartoffeln auf. In den späten, schon recht kühlen Herbstnachmittagen, zündeten wir ein Lagerfeuer an und warfen die Kartoffeln in das Feuer. Nach einiger Zeit konnten sie mit Stöcken herausgefischt und nachdem die verbrannten Teile entfernt wurden, heiß gegessen werden. Das waren die Kartoffelfeuer. Zur gleichen Zeit wurden damals auch noch die abgeernteten Felder, die Stoppelfelder, abgebrannt.

    Der Geruch brennender Stoppelfelder, die wärmenden Kartoffelfeuer in der mit Nebel und Kälte heraufziehenden Dunkelheit gehören zu meinen schönen Kindheitserinnerungen.

    36

    Samstag, 27. Oktober 2012, 17:33

    Kartoffeln und Pilze im Wald

    Das kannten wir auch, allerdings wurden wir Kinder nicht mehr "dienstverpflichtet". Unsere Spezialität um 1970 herum war neben dem Backen der Kartoffeln in offenem Feuer das "Abkochen" derselben im Wald mittels eines alten Kochtopfs. Der Grund war, das wir hier mehr Ruhe vor den Erwachsenen hatten, die Kinder am offenen Feuer meist nicht gern sahen. Das Backen der Kartoffeln war im übrigen eine kleine Kunst für sich, abhängig von der Zeit und dem Hitzegrad der Glut. Mit der Zeit hatten wir aber den Bogen raus. Gelegentlich gab´s auch Zuckerrübenschnitzel, frisch von der Knolle. Geraucht wurde zum Nachtisch ebenfalls, wobei man hier eher von Paffen reden sollte. Das waren halt unsere Initiationsriten. Zum Abschluß kauften wir auf dem Heimweg am Büdchen ein paar Salinos. Der Lakritzgeruch sollte den Nikotinodeur überdecken, damit unsere Eltern nichts merkten.
    Im Gegensatz zu mir, einem Kind von Städtern, kannten sich meine Kumpels im Wald auch mit Pilzen recht gut aus. Ihr Standardpilz war wohl der "Krempling", jedenfalls war bei ihrer Suche andauernd die Rede davon. Für mich waren das böhmische Dörfer.

    37

    Samstag, 1. Juni 2013, 15:47

    Martinslaternen haben wir im Kindergarten gebastelt. Da gab es die runden Käseschachteln, die die Mütter das Jahr lang für den Kindergarten sammelten. Wir machten mit Pauspapier und kleinen Streben aus den Käseschachteln Laternen, die an einer Stange grtrugen wurden. Darin war eine kleine kerze, die gern auch mal ausging oder die Laterne in einen Feuerball verwandelte.